LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Zwei Wanderer befreien den Jakobsweg von Abfall und Unrat

Für viele Pilger hält die Wanderung entlang des Jakobswegs wesentliche und tiefgründige Erfahrungen bereit. Die Zeit zum Wandern birgt viele Momente, um dem stressigen Alltag entfliehen zu können, sich zu sammeln und Kontakt zum eigenen Selbst aufzunehmen. Manche berichten von Aha-Erlebnissen, andere gar von spiritueller Reinigung. Joel Scheitler (34) aus Düdelingen hat von seiner Reise auf dem „Camino“ prägende Einsichten mitgenommen, die sein Leben von da an verändern sollten. Vor elf Jahren pilgerte der Luxemburger das erste Mal von Vezelay nach Santiago.

„Die 1.300 Kilometer retteten damals mein Leben“, berichtet er. Die Entscheidung zum Pilgern traf er, als er in seinem Leben an einem Tiefpunkt angekommen war. Diese Erfahrung war damals dermaßen positiv, dass er erneut Kraft schöpfte, um sein Leben in die Hand zu nehmen. Einige Zeit hat Joel aber mit sich gerungen, bevor er wieder zum Pilgern antrat: „Bis zu diesem Jahr war ich skeptisch. Ich dachte, dass mittlerweile bestimmt zu viele Touristen auf dem Camino sind“. Doch die Sorgen waren unbegründet. Es sind zwar mehr Leute unterwegs, die Atmosphäre des Jakobswegs ist jedoch die gleiche geblieben. „Es ist ein wunderbares Gefühl, Gleichgesinnte zu treffen und sich über Lebenserfahrungen und Weltansichten zu unterhalten“, schwärmt der Wanderer.

Ausschlaggebende Wendung

Dieses Mal sollte die Wanderung für Joel aber dennoch eine unerwartete Wendung nehmen. Nachdem er von Porto aus nach Santiago pilgerte, hat er dort den Briten Adam Hardy (24) getroffen, der vom „Camino de Francés“ dahin gewandert ist. Eigentlich wollte sich Adam auf den Heimweg machen, doch das hat Joel ihm schnell ausgeredet. Bald war der Entschluss gefasst, den Weg gemeinsam nach Finisterre zu bewältigen. „Ich hatte bereits auf dem Weg nach Santiago angefangen, ab und an Abfall am Rande des Weges einzusammeln. Zu zweit haben wir dann eine richtige Aufräumaktion gestartet“, erzählt Joel. Und dies aus gutem Grund, wie Joel berichtet: „So achtsam und naturbewusst sich Wanderer und Pilger auch geben mögen, es ist schlichtweg nicht zu erklären, wie viel Müll täglich in die Natur geworfen wird! Jeden Tag haben wir drei Stunden lang aktiv Abfall gesammelt, aber wir konnten noch lange nicht alles aufräumen.“ Bewaffnet mit einem Einkaufstrolley, einem Kinderwagen und Plastiktüten haben die beiden Wanderer vollen Einsatz gezeigt. Ihr Aussehen hätte wohl schon an das von Lumpenkrämern erinnert, lacht Joel. Die vorbeiziehenden Pilger waren voll des Lobes und motivierten die „Eco Peregrinos“ - „Peregrino“ ist das portugiesische Wort für Pilger. Sie spendeten Geld oder luden sie zum Essen ein.

Als sie in Santiago ankamen, sind sie mit dem Bus in den Norden Portugals gereist. Von dort aus sind sie dem Jakobsweg weiter gefolgt und runter nach Fatima gezogen. „Da haben wir uns auch länger in kleinen Dörfern oder Städten aufgehalten und die Leute über unser Vorhaben aufgeklärt. Immer wenn wir an einem Recyclingzenter vorbeikamen, haben wir unsere Tüten geleert und den Müll getrennt entsorgt. Zuvor haben wir die Unmengen an Abfall fotografiert und online gestellt, um den Leuten zu zeigen, wie viel wir gesammelt hatten,“ berichtet der luxemburgische „Peregrino“. Vorwiegend werden Plastikflaschen und -verpackungen weggeworfen, zum Beispiel von Energieriegeln. Sie fanden aber auch Kleider, alte Fernseher oder eine Kloschüssel. „Manchmal war ich schon den Tränen nahe und konnte gar nicht verstehen, was hier eigentlich vor sich geht“, beschreibt Joel die Situation vor Ort, „aber ich habe mir gesagt: Jetzt reicht es! Wir können nicht nur über Lösungen diskutieren, es muss endlich mal etwas getan werden. Es hat so gut getan, einfach loszulegen und selbst etwas zu unternehmen!“

In den südlichen Ländern fehlt es an Aufklärung

Wer nun denkt, dass fehlende Infrastruktur Schuld an der Vermüllung sei, der irrt. Es stehen sehr wohl Abfalleimer parat, die werden nur nicht wirklich genutzt. „In den südlichen Ländern haben die Leute meines Erachtens noch nicht wirklich erkannt, wie notwendig Müllvermeidung eigentlich ist. Sie werden nicht zum achtsamen Umgang mit der Natur erzogen. Es gibt zum Beispiel auch oft gar keine Aschenbecher auf den Terrassen der Cafés, die Zigaretten werden einfach auf den Boden geworfen!“, erklärt Joel.

Groß zu planen gab es bei den beiden Wanderern nur wenig. Morgens wurde die Route für den Tag festgelegt, und abends galt es einen trocknen Schlafplatz zu finden. Natürlich gab es wenig Komfort. Bei 40 Grad und drückendem Sonnenschein sind die Kilometer oft noch länger. „Die allerschönsten Momente sind diejenigen gewesen, in denen wildfremde Menschen auf uns zukamen und uns über unser Projekt ausfragten. Ihr Feedback war derart aufmunternd, dass fast immer gute Laune herrschte. Wir haben stets gemeinsam gesungen und gelacht“, erzählt Joel. Um auch mit den Leuten zu Hause Eindrücke zu teilen, haben die „Eco Peregrinos“ die gleichnamige Facebook-Seite erstellt. Viele Follower haben ermutigende und motivierende Kommentare hinterlassen, sodass der Ansporn für die weiteren Kilometer gesichert war.

Vielleicht wird in naher Zukunft eine Non-Profit-Organisation gegründet werden, um weitere Aufräumreisen zu organisieren, die Leute über Umwelt- und Naturschutz aufzuklären und auch in den Schulen Erfahrungen teilen zu können. Joel zeigt sich auf jeden Fall weiterhin motiviert: „Es gibt überall so viel Dreck, wir verschmutzen unser Paradies mit Plastik. Irgendwann haben wir keine Natur mehr! Deswegen werde ich bald von Italien aus weiterziehen. Adam ist momentan auf einer Permakulturfarm und hilft dort aus. Für uns alle geht der Camino weiter,... Camino never ends, das ist unser Motto! Ich bin mir sicher, dass die Menschheit den Planeten noch retten kann. Wir müssen wieder Verantwortung übernehmen, unser Wissen über die Landwirtschaft weitergeben und zum Gärtnern kommen, sonst sehe ich schwarz! Jeder kann da was machen. Wir sind technologisch schon so weit, dass wir, wenn jeder zusammenarbeiten würde, die ganze Welt in absehbarer Zeit vom Schmutz befreien könnten!“