RODEMACK
PATRICK WELTER

Rodemack: Die kleine Stadt im Dreiländereck entführt in ein anderes Frankreich

Man muss sich gelegentlich schon mal kneifen, um nicht zu vergessen, dass man nur 26 Kilometer von Luxemburg-Stadt und nur sechs Kilometer von Bad Mondorf entfernt ist. Es fühlt sich zwar nicht an wie der der tiefe Süden, aber zumindest wie Burgund. Die Atmosphäre ist voll und ganz „La France profonde“. Obwohl das Städtchen, eher ein Örtchen, verglichen mit seiner langen Geschichte, erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit zu Frankreich gehört.

Wir sind wieder einmal in Rodemack, einem winzigen Städtchen im grenznahen Lothringen südlich von Mondorf. Beim ersten Besuch in Rodemack vor gut zwanzig Jahren, war man hin und her gerissen zwischen Begeisterung und Trauer. Geschichte und Kriege hatten diesen Ort irgendwie vergessen, von Kriegszerstörungen und dem vielfachen Wechsel von Herrschaft und Nationalität war nichts zu merken, aber dennoch schien alles in Agonie zu liegen. Verfall allenthalben. Häuser aus der Hochrenaissance, das ein oder andere aus dem Spätmittelalter, stützten sich gegenseitig, um nicht einzustürzen, kaum besser erging es denen aus der Barockzeit. Über dem ganzen Stadtensemble ragte eine geradezu unwirklich hohe Festungsmauer auf, eher drohend als schützend. Von unten konnte man nur ein schlossartiges Gebäude wahrnehmen, das sich hinter die Mauern duckte. An eine Besichtigung war nicht zu denken. Privatbesitz. Das ganze Städtchen lag in einer Art Dornröschenschlaf.

Das Erscheinungsbild hat sich in zwei Jahrzehnten drastisch geändert. Rodemack hat gelernt, mit seinen Pfunden zu wuchern und bezeichnet sich heute als „La Petite Carcassonne Lorraine“. Keineswegs zu Unrecht. Ob es nur die Idee war, die Geschichte des Städtchens und seinen historischen Baubestand zu vermarkten oder auch die Gelder, die aus dem finanzstarken Gemeindeverband Cattenom (Communauté des communes Cattenom et environs) geflossen sind, sei dahingestellt. Heute ist Rodemack ein gepflegter Ort, ohne eine falsche Disney-Ästhetik auszustrahlen.

Bummel über die Stadtmauer

Einen großen Reiz macht schon die mittelalterliche Stadtmauer aus, die zum Teil begehbar ist und den historischen Kern des Ortes heute noch umschließt. Besonders reizvoll ist der Blick von der Mauer auf den „mittelalterlichen Garten“. Durch eine schmale Pforte in der Mauer erreicht man diesen Garten „extra muros“ mit Heil- und Nutzpflanzen, die im Mittelalter und der frühen Neuzeit genutzt wurden.

Mitten im Ort ist ein großer Park zu sehen, der sich an das „kleine Schloss“ anschließt. Das „kleine Schloss“ ist das ehemalige Amtshaus, das die Markgrafen von Baden (!) um das Jahr 1560 für ihre Vögte errichten ließen. Folgerichtig heißt der Platz davor auch „Place des Baillis“. Vom Ende des 15. Jahrhunderts bis zur französischen Revolution blieb Rodemack eine badische Enklave, unabhängig von hin- und hergewanderten Grenzen und diversen Kriegszügen. Leider ist die Vogtei nicht zu besichtigen und auch das Restaurant, das früher in den mächtigen Mauern untergebracht war, gibt es nicht mehr.

Die Kirche wirkt von Außen extrem schlicht, im Inneren entpuppt sie sich aber als barocker Saal mit schönen Einzelstücken, die eine längere Betrachtung lohnen.

Und die Festung? Seit 2004 gehört die Festung dem Gemeindeverband Cattenom, zuvor war sie fast 150 Jahre lang Privatbesitz der Familie de Gargan. Im Rahmen eines auf zehn Jahre angelegten Forschungs-, Sicherungs- und Renovierungskonzeptes finden zur Zeit am stadtseitigen Zugang umfangreiche Ausgrabungsarbeiten statt.

Ein Besuch von Rodemack lohnt sich!