LUXEMBURGCLAUDE MÜLLER

Chick Corea: Standards und Eigenkompositionen mit seinem aktuellen Trio auf fünf Alben

Eigentlich sollte an dieser Stelle ein Beitrag über das Konzert des Chick-Corea-Trios erscheinen, aber leider haben die Konsequenzen der Covid-19-Prävention fast das gesamte Kulturgeschehen, nicht nur hierzulande, sondern europaweit, lahmgelegt. Der Tourneeplan der Band sah Konzerte in zahlreichen renommierten Konzerthäusern wie dem Concertgebouw, dem Wiener Konzerthaus, der Tonhalle Zürich oder der Hamburger Elbphilharmonie vor, die jetzt schon alle Veranstaltungen bis einschließlich 30. April storniert haben. In unserer Philharmonie waren für das Wochenende gleich zwei Weltstars, die viele Gemeinsamkeiten, jeder in seinem Bereich, in der stilistischen Entwicklung ihrer Karriere aufzuweisen haben, programmiert. Die deutsche Violinistin Anne-Sophie Mutter, die am Freitag mit Beethovens Tripelkonzert auftreten sollte, hat sich neben ihrem spektakulären Ruf als begnadete Bach-, Beethoven- und Mozartinterpretin, einen Namen als Spezialistin zeitgenössischer Kreationen mit teils experimentellen Charakterzügen wie André Previns wunderbare Komposition „The Fifth Season“oder dem ihr gewidmetem zweiten Violinkonzert von Krzysztow Penderecki gemacht. Im Jazzbereich hat Chick Corea einen ähnlichen Weg eingeschlagen und ist neben seinen Erfahrungen im Stil des „klassischen“ Modern Jazz, durch seine Einspielungen spanisch angehauchter „Latinmusic“, seine Exkursionen in die Welt des freien Jazz mit dem Saxofonisten Anthony Braxton oder die populären Erfolgserlebnisse seiner „Electric Band“ in der Rockjazz- und Fusionszene.

Atemberaubende Solointerventionen

Glücklicherweise sind von Coreas aktueller Band, die schon seit rund zehn Jahren regelmäßig durch alle Kontinente tourt, schon fünf CDs auf dem Markt, die man sich als Konzertersatz zu Gemüte führen kann. Reizvoll ist natürlich, dass es sich bei der Rhythmusgruppe um eben die beiden Musiker handelt, die am Samstag in der Philharmonie mit von der Partie sein sollten und die wir von etlichen Auftritten als Leader eigener Projekte kennen. So trat Bassist Christian McBride noch letzte Saison im Düdelinger Jazztempel „opderschmelz“ mit seiner Band „New Jawn“ auf, wo auch Schlagzeuger Brian Blade, den wir von seinen Aktivitäten mit Wolfgang Muthspiel oder Wayne Shorter in der Philharmonie schätzen gelernt haben, als ebenbürtiger Co-leader eines Trios um Pianist Danilo Perez und Bassist John Patitucci auf der Bühne stand. Corea selbst war zuletzt im April 2017 mit eben diesem dynamischen Ausnahmeschlagzeuger und dem Kontrabassisten Eddie Gomez in der Philharmonie zu Gast.

Beginnend mit dem eleganten Revuesong „You’re My Everything“ aus dem Jahr 1931 und Joe Hendersons vitalem „Recorda Me“ als Stimmungsbarometer folgt schon das Highlight der ersten Scheibe, die mitreißende Version des Jerome-Kern-Klassikers „The Song Is You“ mit atemberaubenden Solointerventionen und spannenden Dialogen der drei Partner. Allen voran fasziniert Perkussionist Brian Blade immer wieder durch seine höchst originellen Fill-ins und sein einmalig federndes Spiel. Eine Überraschung gab es in Madrid, wo zwei iberische Gäste für Abwechslung, hauptsächlich den Sound betreffend, sorgten. Mit einer fast meditativ wirkenden Introduktion zum Evergreen „My Foolish Heart“ entführt Nino Josele auf der akustischen Gitarre in ruhigere Klangflächen, ehe bei Coreas „Fingerprints“ das hierarchisch gleichgestellte Trio wieder zu seiner ursprünglichen Balance zurückfindet und die Post richtig abgeht. Bei der bekanntesten Komposition des Leaders, dem weltberühmten Hit „Spain“ sollte sogar echte spanische Fiestapartystimmung aufkommen. Hier sorgt Flötist Jorge Pardo für atemberaubende originelle Momente, die aus dem Kultsong kein Déjà-entendu-Erlebnis machen, sondern uns virtuell an dem unvergleichlichen Ambiente eines Jam-Sessionähnlichen Clubgigs teilnehmen lassen.

Bewährte aber aufregende Erfolgsmuster

Auch die zweite CD beinhaltet bekannte Standards des „Great American Songbooks“ wie „This Is New“ von Kurt Weill, Chet Bakers Erfolgsnummer „It Could Happen To You“ mit der prickelnd raffinierten, chromatischen Harmoniefolge und Irving Berlins „How Deep is The Ocean“, immer nach dem gleichen, bewährten aber aufregenden Erfolgsmuster des klassischen Jazz-Piano-Trios gestrickt. Ähnlich wie Keith Jarrett hat Corea seine ganz persönliche Ansicht des „Retour-aux-sources-Effekts“ mit diesen Wiederentdeckungen primärer musikalischer Strukturen in neuem Gewand realisiert. Eine willkommene Abwechslung bietet das von Corea arrangierte, in Istanbul aufgenommene „Opus 11 No 9“ des exzentrischen, russischen Tonkünstlers Alexander Scriabin.

Zeitlosen Jazz vom Feinsten bietet auch die dritte CD der Tripelbox, allerdings mit etwas dezenteren und gediegeneren Charakterzügen durch längere Soloeinlagen des virtuosen Pianisten. Ersparen hätte man sich und uns lediglich die peinliche Gesangseinlage von Gayle Moran Corea, der Ehefrau des Leaders, bei „Some Day My Prince Will Come“, ein Fehltritt, den wir auch schon vor etlichen Jahren in der Philharmonie über uns ergehen lassen mussten.

Nichts Neues, dafür aber teilweise noch intensiver und vom Sound her kraftvoller inszeniert, bietet das letztes Jahr erschienene Doppelalbum „Trilolgy 2“. Auch hier sind neben Klassikern wie „All Blues“ von Coreas Lehrmeister und Mentor Miles Davis, zu denen auch Pianist Ahmad Jamal gehörte, wieder Erfolgshits vom Bandleader in betörenden kammermusikalischen Arrangements zu hören. Seine neben „Spain“ wohl bekannteste Komposition „La Fiesta“ und „500 Miles High“ vom Album „Light As A Feather“ von Coreas Band „Return To Forever“ mit Flora Purim aus dem Jahr 1973 zählen zu den Höhepunkten dieser Konzertaufzeichnungen die in den USA, in Kanada, Japan und den europäischen Städten Zürich und Bologna realisiert wurden. Fragen kann man sich lediglich warum zwei Titel - „Work“ von Thelonius Monk und „How Deep Is The Ocean“ - auf beiden Produktionen zu finden sind? Wahrscheinlich zählen sie zu den Favoriten des Initiators, der diese Kleinode schon während nahezu fünf Dekaden in unzähligen Versionen mit verschiedensten Besetzungen veröffentlicht hat. Jedenfalls hat Corea mit diesen Produktionen die Sehnsucht nach melodiösem Jazz und der Magie der spontanen Improvisation vollends befriedigt.