CLAUDE KARGER

Theresa May hat noch einmal alles in die Waagschale geworfen, sogar ihren Rücktritt, um doch noch eine Mehrheit ihrer Kritiker hinter den Deal mit der EU zu scharen. Einige bekam sie tatsächlich rum, wie den früheren Londoner Bürgermeister und führenden „Brexiteer“ Boris Johnson. Den weltbekannten Wendehals hatte die Tory-Chefin einst mit dem Posten als Chefdiplomat schachmatt setzen wollen. Die Strategie währte nicht lange und Boris „backt“ den Deal natürlich nicht, weil ihm über Nacht einfiel, dass dieser so toll ist, sondern weil er sich schon als nächster Premier wähnt. Bezeichnend. Vergessen wir nicht, dass es der ewige Ego-Macht-Poker innerhalb der konservativen Partei ist, der Pate für das ganze Brexit-Debakel stand, das der vormalige Premier David Cameron im Januar 2013 mit seinem Versprechen für ein „In/out“-Referendum lostrat. Damit wollte er seine eigene Machtposition festigen indem er die EU-Kritiker in seiner Partei zu besänftigen hoffte und glaubte ein wahnsinnig gutes Druckmittel zu haben, um den europäischen Partnern noch mehr britische Ausnahmen abzutrotzen.

Das ging sogar eine Zeitlang gut, der Mann gewann mit seinem Versprechen eine Parlamentswahl, tat aber danach Null um die jeglicher Faktenlage entbehrenden anti-EU-Ressentiments zu zerstreuen oder die kläffenden Hunde à la Boris Johnson in seiner eigenen Partei zu zähmen. Am Morgen des 24. Juni 2016 flog ihm das Stöckchen geradewegs voll ins Gebiss zurück. Die Ära Cameron war zu Ende, dafür begann für das uneinige Königreich - erinnern wir daran, dass Nordirland und Schottland nie aus der EU wollten - eine bislang lediglich in Weltkriegen dagewesene Ära der tiefen Unsicherheit und Spaltung,

Gestern, an dem Tag, an dem eigentlich die Scheidung mit der EU vollzogen sein sollte, erreichte die Chaos-Spirale ihren vorläufigen Höhepunkt. Der Deal der Premierministerin wurde bereits zum dritten Mal abgewatscht. Und tatsächlich will die Dame, deren Zermürbungstaktik nicht aufgegangen ist, den Deal noch ein viertes Mal zur Abstimmung bringen. Und bei einem erneuten Scheitern laut „Guardian“ Neuwahlen ausrufen. Das würde freilich alle Fristen sprengen und die Unsicherheit weiter anfeuern, aber May spielt halt die letzten Karten aus, um Druck zu machen. Vor allem auch auf die sozialistische Labour, die sich in dieser Angelegenheit als größte Oppositionspartei alles anders als mit Ruhm bekleckert hat. Auch sie treiben allein Machtgelüste an als das Wohl des Landes. Aber interessieren sich die britischen Volksvertreter überhaupt noch dafür, fragt man sich als verdutzter Beobachter der totalen Unfähigkeit eines Parlaments, auf eine Mehrheit für irgend einen Ausweg aus dieser historischen Krise zu kommen. Die Glaubwürdigkeit der Politik auf der Insel ist ohnehin dahin. Aber wer wird eigentlich politisch für die Konsequenzen eines „No Deal“-einstehen, der gestern näher gerückt ist? Der Sündenbock EU muss ja dann aus dem Spiel genommen werden, nicht wahr? Mittlerweile kann man nur hoffen, dass das am 12. April einsetzende große „Fingerpointing“ nicht ein einen Bürgerkrieg mündet und das Vereinigte Königreich nicht auseinander bricht..