CHRISTINE MANDY

Ist dies das Ende von „Bofferding“ und „Kachkéis“?

In den Reihen der Initiative „Nee 2015 - Wee 2050“ wurde in der vergangenen Woche das Wort „Überfremdung“ geäußert. Die ausländerfeindliche Konnotation und die damit zusammenhängende Problematik des Unwortes des Jahres 1993 sollen nicht Gegenstand dieses Artikels sein. Vielmehr geht es mir darum, die Frage aufzugreifen, die ich schon auf meiner privaten Facebook-Seite formuliert habe: Was sind, neben der Sprache (!), die elementaren Elemente unserer Kultur bzw. unserer kulturellen Identität, die akut durch die Zunahme der Migranten und Grenzgänger gefährdet sein könnten? Ich habe hohe Erwartungen an den Begriff der Kultur, den wir doch so häufig auf ein Podest erheben, stelle allerdings fest, dass viele Beispiele, die häufig genannt werden, durch eine erschreckende Banalität glänzen. Ich will an dieser Stelle kurz die Ergebnisse der Facebookdiskussion zusammenfassen, die dies veranschaulichen sollen.

Es geht um die Wurst

An erster Stelle werden regionale Speisen und Getränke genannt - nicht gerade das, was ich mir unter einem tiefgehenden Kultur- und Identitätsverständnis vorstelle. „Bofferding! Prost!“, schreibt Blogger Claude Biver - nicht ohne einen gewissen ironischen Unterton. Für Fred Keup aber ist das bitterer Ernst: „De Fussballveräin aus der Millebaach gëtt gefouert vu musulmaneschen Ex-Jugoslawen. Dofir gëtt et do keng Thüringer wéi fréier […] mä Cevapcici.“ Ferner gäbe es nun kein Bier mehr. „Fir vill Lëtzebuerger ass eben e Match ouni Thüringer a Béier net ze erfaassen. […]“. Er selbst distanziert sich vom Begriff der „Überfremdung“, kann sich aber in die Menschen hineinversetzen, die so empfinden und nennt noch weitere Beispiele. „De Josy kënnt sech vläicht friem vir, wann en a sengem Stammcafé op eemol kee Rivaner méi vun der Musel kritt mä en Chardonnay aus Frankräich? An d’Tatta Sidonie, wa si beim Metzler kee Jelli méi kritt, well et elo en Hal?l-Metzler ass […] an de Metti, deen am Duerf wunnt, wou elo de Bäcker zougemaach huet an hie muss elo 15 km fueren, fir an déi belsch Supermarchéschaîne ze kommen, wou se nëmme matschegt Brout hunn, wat him net schmaacht.“

„Vun Tuten a Blosen“

Letztlich sind traditionelle Gerichte aber nicht die einzigen Anliegen. Keup nennt weitere, für ihn signifikante Beispiele: „Eis typesch Relioun gëtt gläich gesat mat „frieme Reliounen“. Und weiter: „D’Kanner [déi] net liichte kommen a scho guer net klibberen, mä och nach Halloween feieren an d’Jeannie [deem] seng auslännesch Aarbechtskollegen net verstinn, firwat dass hatt ëmmer dräi Kusse gëtt, […], den Tun dee bei de Kiwwele schafft, dee genervt ass, well d’Leit eise System vun der Mülltrennung net verstinn, an de Charly versteet […] net firwat déi alleguer tuten an der Nuecht bei enger Europameeschterschaft“. Er spricht von einer „Autofuer- an Tutkultur“ sowie den „Fussballfankulturen“. Ist es also das, woran unser Herz hängt? Ist es das, was wir unbedingt verteidigen müssen, damit es uns nicht „weggenommen“ wird?

Weltweites Phänomen?

Selbstverständlich gibt es auch Beiträge, die äußerst interessant sind, so z.B. die Feststellung, dass die Kultur etwas ist, das sich per se im stetigen Wandel befindet, ohne dass man einer konkreten Gruppe die Schuld daran zuweisen könnte, und dass sie immer schon äußere, so gesehen „fremde“ Elemente enthalten hat, ja aus ihnen überhaupt erst entstehen konnte. „Ouni d’Aflëss vu baussen, aus anere Kulturkreesser, géinge bal keng vun de Museksinstrumenter existéieren, op deenen „eis“ westlech Musek haut gespillt gëtt.[…] Vill „Lëtzebuerger“ Lidder (wéi „de Jangli fiert den Houwald erop“ oder „mir hu gekachte Kéis) sinn auslännesch Lidder mat lëtzebuergeschem Text.“, meint Musiker Patrick Hartert. Interessant ist auch die Tatsache, dass sich die Globalisierung überall auf der Welt, vor allem aber in Europa bemerkbar macht und nicht nur in Luxemburg. Die Grenzen zwischen den regionalen Kulturen verschwimmen, amerikanische Musik, Filme, Serien und Bräuche haben sich quasi überall etabliert. Zudem scheint es, als würde die junge Generation im Allgemeinen weniger Wert auf alte Traditionen legen - auch nicht auf ihre eigenen. „Überfremdung“ als alleinige Ursache kommt demnach nicht in Frage.

Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass gerade die, die ein solches Wort verwenden, mir besser hätten vor Augen führen können, was genau sie denn zu schützen gedenken, wenn sie von unserer Identität sprechen. Es ist aber sicher keine leichte Aufgabe, eine zufriedenstellende Definition aufzustellen und womöglich gibt es sie auch gar nicht, zumindest nicht in dem Sinne, wie ich mir das vorstelle. Das wäre allerdings sehr traurig, wenn der Begriff „Kultur“ für uns nicht mehr hergeben würde, als die „Schueberfouer“, den „Niklosdag“ und unseren „Kachkéis“. Abgesehen vom Luxemburgischen natürlich, das ich in dieser Untersuchung bewusst ausgeklammert habe. Letztlich ist die Identitätsfrage aber gerade in Bezug auf die Sprache entscheidend, denn je nachdem, wie die Antwort ausfällt, kann das darüber entscheiden, ob wir darin legitimiert sind, Identität und Kultur in die Sprachdebatte miteinzubeziehen, oder ob die Sprache nur isoliert betrachtet werden darf.