PATRICK WELTER

Journalisten in unseren Breitengraden neigen Dank jeder Menge Stress zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und auch der Griff zur Flasche ist nicht gerade selten. Es überrascht nicht, dass die Lebenserwartung in unserem Beruf eher unterdurchschnittlich ist.

In unserem Job kann man an etlichen Orten der Welt aber nicht nur seine Leber riskieren, sondern seinen Kopf verlieren. Oder im Knast landen, was oft kaum besser ist.

2018 sind weltweit 80 Kollegen, Reporter, Kameraleute, Fotografen, bei der Ausübung ihres Berufes gestorben. Was wollten sie? Berichten, Licht in eine Sache bringen oder das Leben der Menschen zeigen. Vielleicht sogar die Wahrheit finden.

Mehr als die Hälfte der 2018 getöteten Journalisten kamen in nur fünf Ländern um: Afghanistan, Syrien, Mexiko, Jemen und Indien. Mittlerweile sind wir so zynisch geworden, dass uns die Quote bei den Bürgerkriegsländern Afghanistan, Syrien und Jemen nicht überrascht. Wenn jeder auf jeden schießt, wird auf den Typ mit der Kamera keine Rücksicht genommen. Erschreckend sind die Nachrichten aus Mexiko, einem Land ohne „Krieg“, dort sind es die Drogensyndikate die vor niemandem Respekt haben, nicht vor der Staatsmacht und vor Journalisten schon gar nicht. Über Korruption zu berichten ist heikel - da kann der Mörder auch schon mal Uniform tragen.

Die Wahrheit kostet nicht gleich den Kopf, aber sehr schnell die Freiheit. Laut „Reporter ohne Grenzen“ sitzen weltweit 348 Journalisten in irgendeinem Knast. Die Reporter sprechen „politisch korrekt“ von „Medienschaffenden.“ Insbesondere in China ist dies von Bedeutung. Blogger, die die offizielle Presse umgehen wollen, sind dort Staatsfeinde. Profis erwischt es dagegen besonders stark beim NATO-Partner Türkei.

Wie nicht anders zu erwarten liegt China in der mit 60 inhaftierten Journalisten ganz vorn, dann folgen die -unerklärte- Militärdiktatur Ägypten (38), die autoritäre Erdogan-Türkei (33), der Gottesstaat Iran (28) und das mittelalterliche Saudi-Arabien (28). Wie dort ein Gefängnis aussieht, möchte man gar nicht wissen. Saudi-Arabien hat mit dem Mord an Jamal Khashoggi brutal gezeigt, wozu es fähig ist. Die Tat mit Knochensäge, Säurebad und Doppelgänger war geradezu klischeehaft - aber bizarre Realität.

Das macht uns zwar betroffen, aber weit weg ist es trotzdem. „Lügenpresse“ - echter Nazi-Jargon - und Gewalt gegen Journalisten gibt es aber gleich vor der Haustür. Ein öffentlich rechtlicher Sender im nahen Mainz schickt keine Reporter und Kameraleute mehr ohne „Security“ zu AfD oder Pegida-ähnlichen Veranstaltungen. Die Sache hat nur einen Haken, das Gros der Sicherheitsfirmen ist m Rechtsaußen-Milieu verortet. Gerade die nach Recht und Ordnung gierenden anständigen Bürger von FN oder AfD, halten sich die Presse mit allen Mitteln vom Hals - um eine „tendenziöse Berichterstattung“ zu verhindern, wie die braunen Hampelmänner meinen.

Der brave, aber rechtsgestrickte, europäische Bürger attackiert die - Selbstlob - seriöse Presse nicht mehr mit dem Klassiker „Ihr schreibt ja doch was ihr wollt!“, sondern mit dem völlig absurden Vorwurf „Ihr schreibt das, was die Regierung von Euch verlangt.“ Da möchte man selbst als Agnostiker rufen: „Oh Herr, schick Hirn vom Himmel!“