Die zweitgrößte Wirtschaftsnation der Erde entwickelt sich schneller als bisher bekannt zu einer „treibenden Kraft globaler Kapitalströme“, wie aus der ersten umfassenden Studie über Chinas Investitionen in Europa hervorgeht, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. „Eine neue Ära chinesischen Kapitals ist angebrochen“, schreiben die Autoren des Merics China-Instituts in Berlin und der Rhodium-Forschungsgruppe.
Chinas globale Vermögenswerte dürften sich nach „plausiblen Prognosen“ von 6,4 Billionen US-Dollar in nur fünf Jahren auf 20 Billionen US-Dollar verdreifachen. Europäer seien gut positioniert, weil sie eng mit China kooperierten. Die Politik sei jetzt aber gefordert, die Vorteile zu nutzen und Risiken zu minimieren.
Die „erste Welle“ chinesischer Investitionen treffe Europa bereits mit „voller Wucht“, heißt es in der Studie, die am Montag in Brüssel vorgestellt wird. Die Investitionen aus China seien 2014 auf 14 Milliarden Euro pro Jahr gestiegen, nachdem sie Mitte der 2000er Jahre nahezu bei Null gelegen hätten. Zwischen 2000 und 2014 seien mehr als 1.000 Neugründungen, Fusionen und Übernahmen im Umfang von 46 Milliarden Euro erfolgt. In fünf Jahren hätten sich Chinas Investitionen in der EU vervierfacht. Chinesische Direktinvestitionen im Ausland überstiegen heute 100 Milliarden Dollar pro Jahr und verlagerten sich von ressourcenreichen Entwicklungsländern hin zu Technologie, Marken, Immobilien und anderem in Industrieländern.
Schockwellen an Finanzmärkten
„Heute stehen wir an der Schwelle zu rasant wachsenden Kapitalströmen aus China“, so die Studie. „Dies wird Schockwellen durch die globalen Finanzmärkte schicken.“ China entwickelt sich zum Motor globaler Kapitalströme. Unter den Empfängern stehe Deutschland mit 6,9 Milliarden Euro (2000-2014) hinter Großbritannien an zweiter Stelle. Deutschlands moderne Fertigung im Auto-Bereich oder in der Industrie- und Anlagentechnik sei seit 2000 mit 65 Prozent das wichtigste Ziel chinesischer Investoren gewesen, wie aus der Studie hervorgeht. Meist habe es kleine und mittlere Übernahmen gegeben. Interesse gebe es auch an erneuerbarer Energie, Konsumgütern oder Finanz- und Transportdienstleistungen.
Chinas altes Wachstumsmodell mit Handel und beschränkten finanziellen Verflechtungen habe ausgedient. Der Umbau habe begonnen. „Für Chinas langfristige wirtschaftliche Aussichten wird die größere Offenheit für globale Kapitalströme von entscheidender Bedeutung sein.“ Die rasant steigenden Investitionsströme aus China können der schwächelnden europäische Wirtschaft damit neuen Schwung geben. Doch gibt es auch Risiken. „China ist nicht irgendein Investor“, heben die Autoren der ersten umfassenden Studie des Merics China-Instituts in Berlin und der Rhodium-Gruppe über chinesische Investitionen in Europa hervor. In dieser „neuen Ära“ seien politische Weichenstellungen unerlässlich. Eine populistische Abwehrhaltung müsse vermieden werden. Doch müsse sich auch China stärker für europäische Investoren öffnen. „In erster Linie bietet China eine einmalige Gelegenheit, neues Kapital nach Europa zu bringen, um die Investitionstätigkeit und das Wirtschaftswachstum wieder in Gang zu bringen“, fasst die Studie zusammen. „Chinesische Investitionen bieten sehr viel mehr Chancen als Risiken“, bestätigt auch Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer in Peking. Die Erfahrung zeige, dass chinesische Investoren Arbeitsplätze erhielten und hiesige Unternehmen mit dem großen chinesischen Markt verbänden. Als „berechtigte Bedenken“ nennen die Autoren „Subventionen, das autoritäre politische System und die Tatsache, dass China selbst sich Direktinvestitionen aus dem Ausland in vielen Bereichen verschließt.“ Wenn diese Bedenken nicht ausgeräumt werden, könnten Gefahren für Europas Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen entstehen. Um im internationalen Wettbewerb um Chinas Investitionen bestehen zu können, müsse Europa auch selbst erforderliche Strukturreformen umsetzen, so die Studie. „Chinesen investieren dort, wo sie Geld machen“, sagt Wuttke.
„Oberste Priorität“ hat für alle „der Abschluss eines robusten bilateralen Investitionsabkommens, das die bestehenden Asymmetrien im Marktzugang beseitigt“, wie es in der Studie heißt.


