LUXEMBURG/BASEL
CORDELIA CHATON

Anouk Godelet hat schon eine Menge hinter sich: Zwei Auszeichnungen, Arbeit auf dem Bau, ein Architekturstudium und einen Master-Abschluss als Ingenieurin

Es gibt viele Dinge, die Anouk Godelet interessieren: Yoga, Backen und Fotografie, aber auch Elefantengras und nachhaltiges Bauen. Wir haben Sie gefragt, wie sie bei so viel Offenheit einen Beruf gefunden hat, der ihr gefällt und was sie jetzt macht.

Anouk, du warst im Verein der Luxemburger Ingenieurstudenten aktiv, bist Rettungsschwimmerin und engagierst Dich beim Thema Foodsharing. Woher kommt die Lust auf so viel Einsatz?

Anouk Durch unzählige verschiedene Einblicke! Mich haben immer viele Menschen beeinflusst und ich habe an diversen Bereichen Interesse. Da ist beispielsweise die Circular Economy. Ein neues Wirtschaftsmodell, welches den Umgang mit endlichen Rohstoffen grundlegend verändern soll. Damit entsteht eine neue Art zu denken und handeln, welche sich von einer linearen Haltung fortbewegt und sich stattdessen einem Wertschöpfungskonzept mit geschlossenen Stoffkreisläufen annimmt. Dieses Modell kann zukünftig in der Baubranche eine große Rolle spielen. In meiner Masterarbeit habe ich über die Circular Economy in der Luxemburger Baubranche recherchiert, mit vielen Experten Kontakt aufgenommen und das Pilotprojekt „Tennisclub Lorentzweiler“ - das erste in Luxemburg gebaute Bauwerk mit Miscanthus-Wandelementen - analysiert.

Diese neuartige Dämmung aus dem nachwachsenden Rohstoff „Miscanthus x giganteus“, auch Chinaschilf genannt, ist ein hochleistungsdämmender, schadstofffreier und ökologischer Baustoff. Das fand ich spannend.

Wie bist Du auf den Berufswunsch Ingenieurin gekommen?

Anouk Das ergab sich damals. Ich war in der 2ième lange krank und konnte das Schuljahr nicht beenden. Deshalb habe ich ein sechsmonatiges Volontariat in der Kulturagentur der Stadt Luxemburg gemacht. Dort habe ich einen Architekten kennengelernt und gemerkt, dass mich der Beruf fasziniert. So habe ich von Biologie, was anfangs meine Idee war, auf Architektur umgeschwenkt. Für mein Architektur-Studium in Deutschland musste ich mindestens ein viermonatiges Vorpraktikum nachweisen. Deshalb habe ich in einer Baufirma gearbeitet. Anfangs war es nicht so leicht, eine Praktikumsstelle zu erhalten. Im Winter habe ich während vier Monaten auf der Baustelle gearbeitet; Mauern hochgezogen, betoniert, Material geschleppt. Die Bauarbeiter wollten dies anfangs nicht, weil sie mir dies nicht zugetraut haben. Während des Praktikums habe ich zudem Pläne lesen gelernt und Mengenausschreibungen erstellt. Nach dieser Erfahrung wusste ich: Die Baubranche ist genau mein Ding. Ich war oftmals als einzige Frau auf verschiedenen Baustellen mit ausschließlich Männern, die haben auch manchmal Späße darüber gemacht. Das Praktikum habe ich jedoch als Chance gesehen. Jetzt weiß ich, wie anstrengend die Arbeit auf der Baustelle ist. Während meines Bachelor -Studiums habe ich in den Semesterferien immer wieder für die gleiche Baufirma gearbeitet, oft als Bauleiterin oder auf der Baustelle mitgeholfen.

Insbesondere Mädchen sind oft von der Vorstellung abgeschreckt, dass ein Ingenieurstudium viel mit Mathe zu tun hat.

Anouk Mathematik alleine ist nicht entscheidend, auch über Umwege ist ein Ingenieurstudium möglich. Ich kann jedem nur empfehlen, genug Praktika zu machen und so seinen eigenen Weg zu finden. In der Schweiz besuche ich, wo ich seit zwei Jahren als Projektmanagerin arbeite, auch viele Veranstaltungen und komme so mit unterschiedlichen Personen in Kontakt. Es ist gut, offen zu sein.

Und dann hast Du den „Prix d´Excellence 2018“ für die beste Masterarbeit erhalten…

Anouk Ich kannte die Auszeichnung, die jährlich herausragende Studienabschlüsse belohnt, bereits, da ich einige Jahre im Vorstand des Vereins für Luxemburger Ingenieurstudenten „ANEIL“ aktiv war. Als ich im Oktober 2016 die Preisverleihung als Präsidentin der ANEIL eröffnete, dachte ich mir: Ich könnte auch irgendwann die Chance haben. Anlässlich des 10. Geburtstages der „Fondation de Luxembourg“ durfte ich dieses Jahr als Preisträgerin vor über 200 Gästen eine kurze Rede zu halten, dies war eine große Ehre für mich.

Nach dem Master und den vielen positiven Erfahrungen in Luxemburg bist Du in die Schweiz gegangen - warum?

Anouk Das Beratungsunternehmen Drees & Sommer lernte ich während der „Table Ronde“, die jährlich an Karfreitag durch die ANEIL organisiert wird, kennen. Mich hatte ihre Präsentation und der Bereich Projektmanagement angesprochen. Ich bekam die Möglichkeit, während zwei Monaten dort als Praktikantin zu arbeiten. Das Büro hat 41 Standorte weltweit und so konnte ich, als ich mit dem Master in Frankfurt anfing, intern wechseln und als Werkstudentin anfangen. Für mich war klar, dass ich nach meinem Abschluss nicht sofort in Luxemburg arbeiten werde. Gemeinsam mit meinem Freund haben wir uns so für die Schweiz entschieden. Die Festeinstellung war dann eher Formsache.

Wie sieht Dein Leben als Ingenieurin aus?

Anouk Ich bin derzeit zuständig für die Koordination des Innenausbaus von zwei Großprojekten in Basel und berate die Projektbeteiligen zum Thema Nachhaltigkeit. Trotz des stressigen Alltags finde ich im Sommer immer wieder Zeit, mit meinen Arbeitskollegen in der Mittagspause im Rhein zu schwimmen, einfach abzukühlen und dann zurück ins Büro zu gehen. Zur Arbeit muss ich nicht mit dem Auto fahren, sondern kann Bus und Rad nehmen. Ich engagiere mich auch beim Foodsharing und rette so regelmäßig Lebensmittel. Einmal brachte ich 20 Liter Joghurt ins Büro mit. Die Schweiz gefällt mir sehr gut und ich habe mich an das Leben in Basel gewöhnt. Als Luxemburgerin werde ich bestimmt irgendwann nach Luxemburg zurückgehen.