LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Vor einem Jahr zog sich Pit Hentgen aus der Geschäftsführung der Lalux zurück - und jetzt?

Der Mann ist entspannt. „Wollen Sie lieber am Arbeitstisch sitzen oder in der Sitzecke“, fragt er und deutet auf die weißen Designersessel von Eames. Das Büro in der „La Luxembourgeoise“ (Lalux) ist freundlich und funktionell, es passt zu ihm. Hier hat er jahrelang gearbeitet - und tut es noch.

Denn Pit Hentgen gehört zu den Strippenziehern der Luxemburger Wirtschaft. Zwanzig Jahre lang war der Chef der ältesten und größten Versicherungsgesellschaft des Landes, der Lalux. 1998 wurde er dort Generaldirektor, 2002 auch Präsident und somit Nachfolger seines Vaters Robert Hentgen. Vergangenes Jahr übergab er seine Funktionen an Christian Strasser und Claudia Halmes-Coumont. Warum zieht sich ein Mann, der noch nicht mal 60 ist, auf den Posten des Präsidenten des Verwaltungsrates zurück?

Blau-grüner Hahnentritt

„Der Grund war die Soparfi II, das hat sehr viel verändert“, erklärt er. „Nach zwanzig Jahren war es auch mal Zeit für einen Wechsel.“ Hentgen lächelt. Er gilt gemeinhin als freundlich, umgänglich, höflich. Was macht ein Mann, der vorher einen 14-Stundenjob hatte, mit seiner Zeit? Zunächst nimmt er es lockerer. Seine Socken in blau-grünem Hahnentritt zeugen von neuem modischen Wagemut, einer Spielerei mit Accessoires, die er sich früher wohl kaum geleistet hätte. Aber jetzt hat Hentgen ein paar coole Jobs wie beispielsweise Verwaltungsratsmitglied bei Doctena, dem Online-Arzttermin-Portal. „Dorthin kam ich über Patrick Kersten, der mit der Zeit zu einem Freund geworden ist. Doctena ist ja, wenn man so will, die Verlängerung der Krankenversicherung. Das ist alles ausbaufähig. Das sind so Themen, die ich für mich entdecke“, sagt Hentgen, unter dessen Geschäftsführung die DKV gekauft wurde und der von 2012 bis 2014 auch schon mal Präsident der „Association des Compagnies d’Assurances du Grand-Duché de Luxembourg“ war.

Er kennt Schlagwörter wie „disruptive Banking“ und die Sorge der Etablierten vor Fintech und den Auswirkungen, beobachtet, was sich tut und sagt ganz schlicht: „Wir wollen verstehen, wie die Welt sich dreht.“ Natürlich kann man zukünftige Versicherungskunden auf Facebook ansprechen. „Aber das wird lästig“, mutmaßt er. Ohnehin ist in Europa der Datenschutz anders als in den USA und die Lalux weltweit nur ein kleiner Player. In einer Welt, in der jeder jeden kauft, „sind die Konkurrenten von heute schon die Partner von morgen“, meint Hentgen. Er sieht den richtigen Weg so: „Die Infrastruktur so betreiben, dass man sich anpasst, aber flexibel bleibt.“ Er lacht. „Das klingt jetzt vage. Aber die Entscheidungen sind ja auch langfristig.“

Der Luxemburger hat nicht nur Zeit für solche Überlegungen, sondern auch für Philanthropie. Die lebt er auf eine besondere Art aus: Mit Studentenwohnungen in Esch/ Belval. Warum? „Wir hatten 2011 eine Rückversicherung mit großem Gewinn verkauft. Den wollten wir aus der Bilanz haben und der Gesellschaft etwas zurückgeben; vor allem der Jugend“, sagt er. Seit einem Jahr ist der Wunsch Stein geworden: Ein Studentenheim mit 45 Zimmern, die rund ein Drittel des Marktpreises kosten. Zwei Mal im Jahr gibt es ein Fest für alle Bewohner. Einziger Wermutstropfen: „Wir wollten die Zimmer Studenten mit geringen Finanzmitteln zur Verfügung stellen. Aber der Studentenwohnungsservice weist sie nach Eingang zu, nicht nach Finanzlage.“

Keine Hentgen-Dynastie bei Lalux

Seine eigenen Kinder wohnen nicht dort. „Mein Sohn war am HEC Lausanne und ist jetzt in London, wo er ein neues Modul zu Klima und Finanzierung studiert. Wie Rifkin sagt: Die neue Generation denkt anders. Es ist spannend, was dabei herauskommt“, findet Hentgen, der sich mit Berufsratschlägen zurückgehalten hat. Er selbst hat seinen Job bei der Lalux von seinem Vater übernommen. Wird es eine Dynastie Hentgen in der Lalux-Geschäftsführung geben?

„Nein“, sagt Hentgen, „so einfach ist das alles nicht.“ Zur Lalux gehöre ein Kreis von 400 Aktionären. „Ich habe nichts von meinem Vater geerbt, sondern die Funktion übernommen, weil alle mich kannten. Ich war schon lange in verschiedenen Beratungsgremien und hatte daher das Vertrauen der Aktionäre. Einige Namen sind stärker mit dem Haus verbunden und die Mitarbeiter denken, dass das Unabhängigkeit und Sicherheit garantiert. Mein Sohn wird nicht einfach Nachfolger. Wir müssen im Sinne der Gruppe handeln und Personen müssen bestimmte Kriterien erfüllen.“

Pflichterfüllung und Regelmäßigkeit spielen eine große Rolle bei Hentgen. Früher stand er immer um 6.00 auf, heute auch schon mal später. Dann folgt das Frühstück mit dem Ritual des Zeitunglesens. „Ich nehme mir dafür eine bis eineinhalb Stunden Zeit“, sagt Hentgen, der bedauert, dass seine Kinder diese Vorliebe nicht teilen. Das beunruhigende Szenario eines Zeitungssterbens hat ihn lange auch beruflich beschäftigt, denn Hentgen saß viele Jahre im Aufsichtsrat der Saint-Paul Gruppe, die unter anderem das „Luxemburger Wort“ herausgibt. „Da bin ich vor drei Jahren rausgegangen, als mein Schwager Paul Peckels die Geschäftsführung übernahm, weil ich keinen Interessenskonflikt wollte“, erzählt er. Stattdessen übernahm der 55-Jährige im Januar diesen Jahres mit dem Ausscheiden Erny Gillens den Vorsitz im Verwaltungsrat der Lafayette-Gruppe, die sich um die Immobilien der kircheneigenen Gesellschaft kümmert. Hentgen gilt als integer und hat an der katholischen Universität Löwen studiert. Ein ihm wohlgesinnter Geschäftsmann drückt es so aus: „Pit ist nett. Aber rabenschwarz!“

Gläubiger Geschäftsmann

Der katholische Glaube spielt in seinem Alltag schon eine Rolle. „Meine Tochter wird möglicherweise ihr Studium zu Gunsten einer Physiotherapie-Ausbildung aufgeben. Meine Frau, die mit behinderten Kindern arbeitet, und mich hat es natürlich gefreut, dass sie unsere Werte teilt“, meint er. Aus dem gleichen Grund ist ihm die „Kultur des Streits statt einer Kultur der Diskussion“ in den sozialen Medien fern. Seine Beziehungen zur Kirche und seine Überzeugungen haben ihn auch in den Verwaltungsrat der „Fondation Saint Zithe“ gebracht.

Überhaupt hat Hentgen über ein Dutzend Mandate inne (siehe Kasten), die wechseln und die er nicht alle offen legt. Aus dem Aufsichtsgremium der „BIP Investment Partners“ ist er gerade ausgeschieden, dafür sitzt er bei Doctena. Das alles ist mit Arbeit verbunden. „Es ist nicht so, dass ich jeden Tag Golf spiele und ab und zu reinkomme“, sagt er. „Ich kümmere mich um die Beteiligungen und Investments der Gruppe, das ist sehr abwechslungsreich, aber angesichts niedriger Zinsen auch schwierig.“ Seinen Generaldirektor begleitet er auf Distanz. Der platzt irgendwann ins Gespräch. Der Ton ist kollegial, die Absprache kurz. Hentgen gefällt seine neue Rolle.

„Ich habe das Gefühl, der Druck ist besser verteilt.“ Seine vielen Mandate - vom SOS Kinderdorf-Verwaltungsrat bis zu dem der Zentralbank - ermöglichen ihm das, was er „sehr unterschiedliche Paralleluniversen“ nennt. Sie machen das Leben für ihn zu einer interessanten Wundertüte, abseits der Monotonie. Und das liebt er. Mit allen Freiheiten, bis hin zu bunten Socken.