LUXEMBURG
DANIEL OLY

Zwei Jahrzehnte Taktik-Finesse: „Counter-Strike“, die bekannteste Spielemodifikation der Welt, feiert runden Geburtstag

Computer-Spiele, das ist eher was zum alleine genießen. Gerade Shooter, bei denen es actionreich zur Sache geht. Zusammen spielen? Das geht zwar auch, meist dann aber nur gegeneinander und ohne wirkliches Ziel. Hauptsache Spaß. Und um etwas ganz Großes, zum Beispiel um ein Turnier mit großen Siegprämien, geht es dabei doch eh nicht.

Vor 20 Jahren jedoch geschah etwas, das man bis dahin nicht so recht auf dem Schirm hatte - wortwörtlich. Mit „Counter-Strike“, das vergangene Woche seinen runden Geburtstag feierte, wurde zwar nicht der allererste Team-Shooter erfunden. Der Titel ist aber ein fester Bestandteil der Spielekultur geworden, hält sich bis heute wacker und gilt als Mitbegründer der inzwischen riesigen E-Sport-Szene.

Bescheidener Start

Als am 19. Juni 1999 eine kleine Spielemodifikation für den damals bereits als Klassiker gehandelten Ego-Shooter „Half Life“ das Licht der Welt erblickte, hätte das wohl kaum jemand gedacht. Schon gar nicht die beiden Hobby-Entwickler Minh Le und Jess Cliffe, die das Spiel damals als Fanprojekt auf einer eigenen Webseite veröffentlichten. Die nur acht Megabyte große Modifikation, das heißt der Umbau des Basisspiels, hatte damals nur zehn Schusswaffen und vier Karten, auf denen gespielt werden konnte. Umfang geht anders.

Trotzdem war das Konzept dahinter fesselnd: Spieler hatten endlich ein Ziel, denn statt traditionellem „Deathmatch“ wollten hier Geiseln gerettet oder - ab einer späteren Version - Bomben entschärft werden. Statt auf Außerirdische zu zielen, waren Terroristen im Visier. Wahlweise wurde der Spieß auch umgedreht, und die Anti-Terror-Einheit ist der digitale Feind. Dieser Realismus-Aspekt fesselte viele Spieler. Die Taktik-Runden dauern dabei nur wenige Minuten, in wirklich schnellen Matches geht es sogar noch schneller. Trotzdem sind die Spiele spannend, und auf Turnieren gibt es oft Fiebern bis zur letzten Runde. Auch im Großherzogtum gibt es reichlich Spieler, die von dem Shooter-Großmeister gefesselt wurden. „Ich habe damals noch als Schüler erstmals von ,Counter-Strike‘ erfahren“, weiß Alain Kill zu erzählen. Unter dem Pseudonym „Pischto“ spielt er derzeit in einem der luxemburgischen Teams, die im Taktik-Shooter aufräumen. „Ich wusste quasi direkt, dass es etwas für mich sein würde, denn ich hatte ,Half Life‘ geliebt.“

Entscheidend dürfte der erste Eindruck gewesen sein. „Leicht zu verstehen, aber sehr hart zu meistern. Man merkt, dass man durch investierte Zeit wirklich besser werden kann“, betont Kill. Auch zwanzig Jahre später merkt er: „Nach jedem Spiel lernt man dazu, kann etwas ändern… selbst wenn man das 2.000. Mal ,dust2‘ spielt, ist es doch immer aufs Neue interessant.“ Besonders ein Merkmal hat ihm gefallen: „Die von Nutzern generierten Spielkarten und Spielmodi“, erklärt er. Durch seine Herkunft als Modifikation war es in „Counter-Strike“ ein Leichtes, neue Spielkarten selbst zu entwerfen. Das sorgte für unendlichen Spielspaß, weil man nicht auf die Entwickler für neuen Nachschub angewiesen war.

Getragen von der Community

Die Community, die sich über die Jahre rund um das Spiel aufgebaut hat, wird deshalb auch von Spielern wie Kill als wesentlicher Grund für den Erfolg wahrgenommen. „Es hat einen Grund, warum wir noch immer spielen, und das teilweise mit denselben Leuten, mit denen wir schon vor 15 Jahren das Netz unsicher machten. Durch unzählige Ligen und Turniere lebt die Szene jeden Tag stärker“, weiß er.

„Counter-Strike“ hat umgekehrt auch seine Community geprägt. Umgangssprachliche Begriffe wie „Camper“ oder „Rush“ gab es sicher schon zuvor, doch die ständig wachsende Spielerschar rund um das Shooter-Phänomen verankerte sie fest im kollektiven Bewusstsein der Szene.

Dunkle Stunden gab es in den 20 Jahren auch zu genüge; nach Schulschießereien in Deutschland wurde das Spiel schnell als Schuldiger ausgemacht, das „Killerspiel“ habe die Täter verroht, ihnen die Handhabe von Schusswaffen beigebracht. Hier wurde „Counter-Strike“ seine Stärke als Modifikation zum Verhängnis. Die Täter hatten sich in einzelnen Fällen Teilbereiche ihrer Schule akribisch nachgebaut - gar nicht so selten in der Spielercommunity, Bekanntes nachzustellen - und sollen damit den Anschlag geübt haben. Der Vorwurf des Killerspiels hielt sich, besonders in Deutschland, lange und hartnäckig. Inzwischen sind die alten Wunden aber (fast) verheilt.

Für die Erfinder hat es sich gelohnt; 2000 wurde die Modifikation vom Entwickler des Ursprungsspieles, „Valve“, aufgekauft. Danach erschienen erst mehrfach offizielle Versionen, bevor 2003 das vorerst letzte Update veröffentlicht wurde. Skurril: Das Urgestein „Counter-Strike 1.6“ spielen auch heute noch fast 14.000 Spieler - täglich. Richtig schwer, da noch einen draufzulegen, weshalb der offizielle Nachfolger jedes mal floppte. Zuerst „Counter-Strike: Condition Zero“, bei dem ein Einzelspielermodus hinzu addiert wurde, danach das 2004 grafisch komplett neue „Counter-Strike: Source“, das bei Puristen durch die Unterschiede bei der Grafikdarstellung sauer aufstieß.

Besonders „Source“ spaltete die Spielergemeinschaft, und es sollte bis 2012 dauern, bis mit „Counter-Strike: Global Offensive“ ein „würdiger“ und akzeptierter Nachfolger etabliert wurde. „Seitdem haben sie es immer weiter modernisiert“, weiß Kill. „Das Grundgerüst ist nach wie vor dasselbe wie vor 20 Jahren.“ Aber auch Industrie-Urgesteine wie „Counter-Strike“ bleiben vor modernen Trends nicht verschont. 2018, auf dem Höhepunkt der „Battle Royale“-Spiele, musste unbedingt auch ein entsprechender Spielmodus her. Und „free to play“ wurde das Spiel ziemlich zeitgleich auch. Immerhin ist es damit wieder so kostenlos - wie es bereits vor 20 Jahren einmal war.