DÜDELINGEN
CLAUDE MULLER

Großer Erfolg der 4. Auflage von „Like A Jazz Machine“

Über 16 Stunden Musik pur in 16 Konzerten an vier Tagen und das zu einem Preis von nicht mal fünf Euro pro Band (der 4-Tage-Pass kostete 75 Euro), und das mit ausnahmslos hochkarätigen Musikern. Wer sich diesen Marathonhörgenuss entgehen ließ, ist selber schuld. Leider können wir im Nachfolgenden nicht jedes einzelne Konzert detailliert beleuchten und haben acht Highlights ins Visier genommen.

Nachdem der Luxemburger Perkussionist Pit Dahm mit seinem Quartett das 4. Düdelinger Festival eingeläutet hatte, stand mit dem hochdotierten „Radio.String.Quartet.Vienna“ gleich eine sensationelle Entdeckung der letzten Jahre auf der Bühne des CCRD. Das in der klassischen Besetzung (zwei Geigen, Bratsche und Cello) agierende Streicherensemble vermittelte eine selten erlebte Demonstration eines grandiosen Puzzles verschiedenster Stilrichtungen und Stimmungen, sowohl im Bereich der E- wie der U-Musik, alles in, bis aufs letzte Detail perfekt konzipierten, den Akteuren förmlich auf den Leib geschriebenen Arrangements, die das spannungsgeladene Klangbild voller positiver Ausstrahlung perfekt zur Geltung brachten.

Wiener Romantik, feurige Passagen der Balkanmusik, klassische Phrasen bis zu den abstrakten Klangmalereien der Avantgarde, permanent mit Disziplin und Konzentration den gesamten Tonumfang der vier Instrumente voll ausschöpfend ließen eine raffiniertes Spiel mit der Vielfalt der Klangfarben vom vollen Streichorchester im Wechsel mit intimen Momenten à la Stéphane Grappelli oder der minimalistischen Welt eines Philip Glass gefühlt spontan aufleben.

Michel Portal zeigt Vielseitigkeit der Bassklarinette

Mit der „Babylon Suite“, einer wunderbar intonierten Hommage an den Komponisten und Vater des Sopransaxofons im Jazz Sidney Bechet, stellte sich anschließend das Duo Emil Parisien und Vincent Peirani vor. Das Duo ergänzte sich zum Trio mit dem ebenfalls aus Frankreich stammenden Multiinstrumentalisten Michel Portal, sicherlich der am sehnlichsten erwartete Stargast der ersten Soiree. Auf seinem Hauptinstrument, der Bassklarinette, stellte Portal gekonnt die vaste Klangpalette dieses im Jazz relativ rar eingesetztem Soloinstrumentes in den Vordergrund, ehe er auf der B-Klarinette mit seiner Komposition, der Filmmusik „Max, mon amour“, seine melodische Phrasierungskunst effektvoll virtuos einsetzte.

Kaum zu glauben, dass dieser vitale und virtuose Instrumentalist im November dieses Jahres seinen 80. Geburtstag feiern wird. Der Allroundmusiker, der in der avantgardistischen Szene der E-Musik durch seine Zusammenarbeit mit beispielsweise Pierre Boulez oder Karlheinz Stockhausen ebenso zu Hause ist, wie als Solist renommierter Sinfonieorchester, zählt in Jazzkreisen durch seine Zusammenarbeit mit internationalen Stars zu den Stützpfeilern des europäischen Jazz.

Gut gelaunt interpretierten die drei Solisten dann eine humorvolle Version einer Valse Musette aus der Feder des Akkordeonisten, ehe das Trio sich mit abwechslungsreichen Improvisationen verabschiedete.

Musikalischer Leckerbissen von „Phronesis“

Ein Leckerbissen bot sich am Freitag mit „Phronesis“, einem internationalen Trio, das nach durcharrangiertem aber zwanglosem Free Jazz klang und sämtliche Finessen und Effekte dieser Musik gekonnt vermittelte. Rabih Abou-Khalil, einer der wichtigsten Botschafter der begehrten und populären „Worldmusic“, stellte anschließend mit dem italienischen Akkordeonisten Luciano Biondi und dem amerikanischen Schlagzeuger Jarrod Cagwin, der den arabischen Klängen mit spielerischer Leichtigkeit zu einer schwebenden und fast mystischen Ausstrahlung verhalf, ein wunderliches und wunderbares Exempel einer völkerverbindenden Philosophie dar, das seinen Höhepunkt in der Interpretation von „Dreams Of A Dying City“, einer Komposition des Leaders in Gedanken an die Kriegszustände in Libyen, fand. Auch hier stand die klangliche Verbindung des eher selten im Jazz eingesetzten Instruments, dem folkloristischen Akkordeon, wie schon bei Parisien und Peirani, diesmal mit der „Oud“, einer arabischen Laute, kombiniert, im Mittelpunkt. Mit dem Quintett des amerikanischen Bassisten Kyle Eastwood konnte man sich nach der etwas anstrengenden Performance des Weltmusiktrios bei vertrauten Klängen in Anlehnung an Horace Silver und den „Jazz Messengers“ etwas entspannen.

Am Freitag stand nach dem „Organic Trio“ das Vater-Sohn-Gespann Florian und Wolfgang Dauner auf dem Programm. Der fast 80jährige Pianist und Keyboarder vermittelte wie gewohnt mit manchmal aggressiven Unisonophrasen, kraftvollen Clustern und lyrischen Melodiefragmenten eine willkommene Retrospektive des deutschen New Jazz der frühen Jahre, ehe das Duo sich mit obligatem Schlagzeugsolo und einer eindrucksvollen Huldigung an Maurice Ravel verabschiedete.

Sechsköpfige Allstarband um Franco Ambrosetti

„Tête d’affiche“ des Festivals war eine sechsköpfige Allstarband um den Schweizer Trompeter und Bandleader Franco Ambrosetti, die sich mit John Coltranes „After The Rain“ vorstellte. Tenorsaxofonist Greg Osby präsentierte die Bandbreite seiner komplexen, spannungserzeugenden Artikulation in Zeitraffermanier und der vorzügliche Pianist Dado Moroni konnte ebenso seine interessanten und bestens ausbalancierten Soli leider in den zeitbedingt zu kurzen Sequenzen nicht ausleben. Auch die Rhythmusgruppe der swingendsten Band des Festivals war mit hochquotierten Musikern besetzt. Die einzige Lady des Festivals (die beiden Musikerinen im Streichquartett ausgenommen), die Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington, demonstrierte mit brillanter Technik routinemäßig die Sprache des modernen Jazzdrummings, während der legendäre Kontrabassist Buster Williams, in den 1980er Jahren der neben Ron Carter meistgefragte Bassist der Szene mit seinen 73 Jahren noch „still going strong“, neben einem eindrucksvollen Solo durch seinen großen Sound und seine herrlich swingende mit traumwandlerischer Sicherheit harmonisch bestens ausgestattete Begleitung überzeugte.

Bandleader und Geschäftsmann Franco Ambrosetti, der immer nur Amateurmusiker war und nach eigenen Worten zum ersten Mal in Luxemburg auftrat, zeigte sich trotz seiner mittlerweile 74 Lenze am Flügelhorn in Höchstform und überzeugte mit seinen klaren, geschmeidigen Melodielinien im Sinne eines Art Farmer. Wie Dauner hatte auch der Altmeister aus Lugano seinen Sohn Gianluca im Angebot, der auf dem Sopransaxofon neben den eingefleischten Stars der Band einen bemerkenswerten Eindruck hinterließ. Hier sollte man sich überlegen, ob die Reduzierung von fünf auf vier Gruppen pro Abend zu Gunsten eines längeren Auftritts eines Sextetts von Vorteil wäre.