Wie würde sie/er wohl heute aussehen? Hätte das Baby mir oder seinem Vater ähnlich gesehen? Diese quälenden Fragen gehen Carole (27) nicht aus dem Kopf. Die Mutter einer einjährigen Tochter hat vor drei Jahren ein Kind abgetrieben. Dem „Journal“ erzählt die junge Frau, was sie zu diesem Schritt bewegte und wie sie heute damit umgeht. Wir haben ihren Vornamen geändert, da sie nicht erkannt werden will.
Warum hast Du dich damals für eine Abtreibung entschlossen?
Carole Ich habe zu dem Zeitpunkt noch studiert, die Beziehung zu meinem damaligen Freund war noch sehr frisch. Ich dachte, ich könnte unter diesen Bedingungen kein Kind aufziehen. Ich war noch nicht bereit für ein Kind.
Wie kann man sich eine Abtreibung vorstellen?
Carole Als der Schwangerschaftstest positiv ausfiel, ging ich sofort zu meinem Frauenarzt. Ich erklärte ihm, dass ich das Kind nicht bekommen wollte. Dann gab er mir die Abtreibungspille mit und erklärte, dass das Ganze sehr schmerzhaft sein würde. Mit dieser Pille wird eine künstliche Menstruation provoziert, die den Embryo ausspült. Ich rief meine beste Freundin an, die dann den ganzen Tag über bei mir blieb.
Die Schmerzen waren enorm. Ich musste mich andauernd übergeben, dazu noch die Unterleibsschmerzen. Ich dachte zwischendurch immer wieder: „Das ist die Strafe“. Irgendwann, als die Blutung anfing, ging es mir dann besser. Danach lebte ich wieder so, als wäre nichts geschehen.
Wann hast Du zum ersten Mal an das ungeborene Kind gedacht?
Carole Als ich meine Tochter vor einem Jahr zur Welt brachte, war ich so überglücklich und gleichzeitig todunglücklich, denn in diesem Moment realisierte ich, dass ich noch ein Kind vom gleichen Vater mehr haben könnte.
Wie bist Du mit diesem Gedanken umgegangen?
Carole Ich redete viel mit meinem Freund, da außer ihm und meiner besten Freundin niemand von der Abtreibung wusste. Ich konnte ich mich auch sonst keinem anvertrauen. Die Trauer um dieses ungeborene Kind wurde von Tag zu Tag größer und ich konnte und kann sie nicht mehr verdrängen.
War dir die Entscheidung, das Kind nicht zu bekommen, leicht gefallen?
Carole Nein, ich habe sehr viel mit mir gekämpft. Aber der Arzt hat mir die Entscheidung leicht gemacht. Er tat so, als wäre alles überhaupt kein Problem.
Was hättest Du dir in diesem Moment gewünscht?
Carole Eine bessere Beratung! Hätte mir jemand gesagt, dass ich danach durch die Hölle gehen würde und mir das nie verzeihen könnte, dass ich dieses Kind nie vergessen würde, hätte ich mir es vielleicht anders überlegt.
Was rätst Du Frauen, die in einer solchen Situation sind?
Carole Sie sollen sich gut beraten lassen und sich Hilfe holen, egal für welchen Weg sie sich entscheiden. Am besten sollte man nie in eine solche Situation geraten, denn egal, welche Entscheidung man trifft, ist es schwer zu ertragen. Jede Frau sollte das Thema Verhütung ernst nehmen und im schlimmsten Fall gibt es ja auch noch die Pille danach, die man beim „Planning Familial“ gratis bekommt.
Wie stellst Du dir deine Zukunft vor?
Carole Ich werde mir professionelle Hilfe holen, um mit der Trauer fertig zu werden: Ich muss mir irgendwann selbst verzeihen können.
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