MONT SAINT-MICHEL
HELMUT WYRWICH

L, U, und W bezeichnen Situationen, wie eine Krise sich auf die Wirtschaft auswirkt

Wie wirkt eine Wirtschaftskrise sich aus? Wie lange dauert sie? Und wie kommt man aus ihr wieder heraus? Es gibt drei Buchstaben, die Krisen, ihr Ende und ihre Folgen bezeichnen: L, U, W.

Die Krise des Coronavirus, die wir derzeit erleben, hat in der Neuzeit nichts Vergleichbares. Krisen wie die spanische Grippe, oder die Weltwirtschaftskrise 1929, die deutsche Wirtschafts- und Inflationskrise sind mit der Corona-Krise nicht vergleichbar.

Vergleichbar in gewissem Maße ist die Finanzkrise von 2007 bis 2009, an die sich eine Wirtschaftskrise anschloss. In jener Wirtschaftskrise sind Methoden angewendet worden, wie sie heutzutage „normal“ sind. So erfand der heutige deutsche Finanzminister Olaf Scholz, damals Arbeitsminister in der Berliner Bundesregierung, das Kurzarbeitergeld. Die Arbeitsverwaltung bezahlte unbürokratisch Mitarbeiter von Unternehmen, die freigestellt worden waren, mit einem bestimmten Bestandteil ihres Gehaltes. Der Vorteil: Die Mitarbeiter wurden nicht entlassen und standen beim Wiederanspringen der Wirtschaft den Unternehmen sofort zur Verfügung.

Kurzarbeitergeld in vielen Staaten

Dieses Modell wird in der heutigen Corona-Krise in vielen Staaten angewendet. Frankreich zahlt Mindestlohn-Empfängern 100 Prozent des Lohnes, Deutschland zahlt je nach Familien-Situation 60 bis 67 Prozent, Luxemburg zahlt 85 Prozent. Obwohl immer wieder zitiert, ist die Situation in den USA nicht vergleichbar. Die USA sind kein Sozialstaat mit dem Schutz von Arbeitern. Hier wird entlassen.

Krisen haben aber auch zwei wesentliche Wirtschaftstheorien entwickelt. John Maynard Keynes ist im Kern einer seiner Thesen der Meinung, dass der Staat in einer Krise mit einem Gegensteuern der Auftragsflaute Unternehmen stützen müsse durch seine Aufträge. Olaf Scholz entwickelte die These, dass der Staat die soziale Sicherheit durch das Kurzarbeitergeld für die Arbeiter gewährleisten müsse. Und die Vertreter einer sozial-liberalen Wirtschaftspolitik meinen, dass es erlaubt sein müsse, Unternehmen durch die staatliche Garantie von Überbrückungskrediten durch die Krise zu helfen.

Hier hat sich allerdings eine neue Diskussion auf mehreren Ebenen entwickelt. In Deutschland sind Sozialdemokraten und Grüne der Meinung, dass der Staat, wenn er sich in Form von Aktien überbrückungsweise am Kapital eines Unternehmens beteiligt, er auch ein Mitspracherecht zur Unternehmenspolitik haben müsse. Dies ist in Frankreich unbestritten, hat aber zu den Folgen geführt, dass Unternehmen zu Entscheidungen nach opportunistischen, politischen und ideologischen Gesichtspunkten gezwungen wurden.

Helikopter-Geld: die Idee von Friedman

Milton Friedmann, der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger hat in einer seiner Arbeiten für Krisenzeiten darüber nachgedacht, ob es sinnvoll ist, Zinsen zu senken, Steuern zu senken und auf indirekte Weise die Nachfrage anzukurbeln. Er schlägt vor per „Helicopter Money“, also über eine direkte Ausschüttung von Geld an die Bürger, die Nachfrage anzukurbeln.

Die augenblickliche US-Regierung tut das derzeit. Sie verschickt Schecks in Höhe von 1.200 Dollar an alle US-Bürger, die im vergangenen Jahr weniger als 75.000 Dollar in ihrer Steuererklärung angegeben haben. Das Geld wird zusätzlich zum Arbeitslosengeld einmalig gezahlt. Solche Anreize sind zweifelhaft. In Frankreich sind solche Prämien massenhaft auf Sparbüchern gelandet. Auch in den USA werden die 1.200 Dollar häufig zunächst einmal „geparkt“.

Wie lange aber dauern Krisen? Die Sparkassen-Krise in den USA im vergangenen Jahrhundert konnte einfach und schnell behoben werden. Sie war national, verIieß das Land nicht. Die Finanzkrise 2007 bis 2009 hatte den ersten globalen Charakter der Neuzeit. Hier brach nicht nur ein System eines Landes sondern rund um den Globus zusammen. Diese Krise hatte die Forme eines „L“. Das heißt, es gab den brutalen Zusammenbruch. Dann aber war die Frage, wie lange sie dauerte. Wie lang also war der horizontale Strich unten am „L“? Staaten wie Deutschland begrenzten ihn, kamen durch eine sehr kühne, harte Budget- und Sozialpolitik in relativ kurzer Zeit wieder auf die Beine und wurden zusammen mit den Niederlanden oder etwa Finnland zu Trägern europäischer Stabilität. Staaten wie Frankreich oder Spanien waren zehn Jahre danach immer noch Krisenstaaten. Frankreich baute sein Budget-Defizit auf 7.5 Prozent aus und ist auch 13 Jahre nach Ausbruch der damaligen Krise noch nicht wieder im Bereich der vertraglich festgelegten drei Prozent Budget-Defizit angekommen. Das „L“ hat also eine unterschiedlich lange Laufzeit zur Krisenbewältigung.

Börsen kennen die U-Krise

Die für die Wirtschaft günstigste Bewältigung einer Krise ist das „U“. Hier gibt es den Absturz, ein relativ kurzes Verharren auf einem Boden und dann wieder den Aufschwung. Börsen kennen das. Sie erleben es mehr oder weniger regelmäßig als so genannte Korrektur. Die Kurse stürzen ab, starten dann aber relativ zügig wieder durch. In der Wirtschaft ist das „U“ häufig eine Krise bestimmter Wirtschaftszweige eines Staates, die Entwicklungen verpasst haben, oder die sich in einer Sättigung des Marktes mit entsprechender Bereinigung befinden und dann wieder ihren Rhythmus finden.

„L“ und „U“ sind beherrschbare Phänomene einer Krise. Ganz anders sieht es aus, wenn eine Krise in ihrer Behandlung auf ein „W“ zusteuert. Die derzeitige Virus-Krise hat alle Inhalte, um auf diese Form zuzulaufen. Warum? In einer ersten Phase ist die die Krise auslösende Krankheit in allen betroffenen Staaten nur unzureichend analysiert worden. In dieser Phase stellten alle Staaten fest, dass sie nicht vorbereitet waren. Zur Sicherheit wendeten sie alle die deutschen sozialpolitischen Maßnahmen an, verbunden mit der neuen Form des Homeoffice. Aber: hier handelt es sich nicht um eine Finanzkrise oder Sättigungskrise oder Nachfragekrise. Die Gesundheitskrise verlangte grundlegende Einschnitte wie Notstandspläne mit ganzen Firmenschließungen und Ausgangsbeschränkungen. Das begründete den Absturz der Wirtschaft mit weitgehenden Stützungsmaßnahmen für Unternehmen und Sozialmaßnahmen für die Menschen.

Das Problem ist: Bleibt es bei dem Absturz in „L-Form“? Die Ausgangssperre für Menschen hat die Verbreitung des Virus eingeschränkt. Vier- bis sechswöchige Ausgangssperren machen sie nun unruhig. Politiker sehen den Augenblick gekommen, den Alltag wieder herzustellen. Gesundheitsexperten warnen davor. „Zu früh“, sagen sie und malen dieses Szenario an die Wand: Gibt man die Beschränkungen wieder auf, dann könnte es zu einem neuen Aufschwung der Virus-Erkrankungen kommen. Die Gefahr: Die gerade angelaufene Wirtschaft stürzt wieder ab, weil es unabhängig von der wirtschaftlichen Notwendigkeit neue Maßnahmen zur Bewahrung der Gesundheit geben muss, die wiederum die Wirtschaft wieder einschränken. Wir wären dann bei dem „W“, der wirtschaftlich schädlichste Buchstabe des Alphabetes.