In diesen Tagen sind die Blätter und Fernsehmagazine voll mit Bildern des zerstörten Berlin. Die rote Fahne weht im Dauereinsatz über den Ruinen des Reichstags. Flüchtlinge blicken schockiert in die Kamera, KZ-Häftlinge können es kaum fassen die menschengemachte Hölle wirklich überlebt zu haben. Die Bestie war tot, der Hydra alle Köpfe abgeschlagen. Der 8. Mai ist der Tag der Tage. Was in den Medien ziemlich untergeht ist, dass sich morgen ein anderes Kriegsende jährt, das vielen von uns viel näher liegt als die Kapitulationen vom 8. und 9. Mai 1945, die im Nebel der Geschichte verschwinden.

Als Friedeburg die eine Kapitulation in Reims und Keitel die andere in Karlshorst unterzeichnete war keine Fernsehkamera dabei. Radio, Zeitungen Wochenschau trugen die Nachricht vom V-E-Day mit Verzögerung in die Welt.

Ganz anders dreißig Jahre später. Wer alt genug war Fernsehbilder zu verstehen, nahm live an einem erbärmlichen Ende teil. Obwohl der Vietnamkrieg auf der anderen Seite des Globus stattfand, und er offiziell schon zwei Jahre vorher mit einem Nobelpreis-Friedensvertrag geendet hatte, ging er am 30. April 1975 mit fatalen Bildern zu Ende. Menschen, die sich auf dem Dach der US-Botschaft in Saigon um den letzten Platz in einem der Hueys prügelten, sich an die Kufen der Helikopter hängten und nur eines wollten - weg. Die Supermacht USA war schon 1973 aus dem Vietnamkrieg ausgestiegen - offiziell. Aber erst die überladenen Bell-Hubschrauber die am 30. April, die letzten Getreuen vom Dach holten, wurden zum Symbol für das Ende des Vietnamkriegs. Wer erinnert sich noch an die Bilder vom Friedensschluss in Paris? Kein Mensch. Genauso wenig wie an den Kriegsgrund - das geteilte Vietnam sollte nicht ganz an die Kommunisten falle.

Ikonografisch stehen die Fotos von den Rotarmisten auf dem Reichstagsdach und die Fernsehaufnahmen der Verzweifelten auf dem Dach der Saigoner Botschaft gleichrangig nebeneinander - die endgültige Niederlage. Dort war das Monster erschlagen worden, hier hatte eine Großmacht Fehler an Fehler gereiht. Im festen Glauben, dass „Gods own country“ im Recht ist, führte es einen Krieg ohne feste Front, für ein korruptes Regime, gegen einen unsichtbaren Feind und mit einer Zivilbevölkerung, die mehr als einmal die Befreiung vom kommunistischen Joch nicht überlebte. Aber ein Krieg ohne Militärzensur. Waren frühere Kriegsbilder von schlechter Qualität, gar gestellt oder wurden erst im Frieden veröffentlicht, so nahm die ganze Welt an diesem Krieg teil. Sie sah wie der Polizeichef von Saigon einen verhafteten Vietcong live vor der Kamera erschoss. Sie sah wie das nackte Mädchen vor der Napalm-Walze davon rannte und konnte in LIFE und im STERN über viele Seiten sehen was zugedröhnte GIs im Dorf My Lai verbrochen hatten. Was der Vietcong veranstaltete, bekam natürlich niemand mit.

Trotz des Sturms, der sich gegen den Vietnamkrieg erhob, konnte der Republikaner Richard Nixon 1968 und 1972 die Präsidentschaftswahl gewinnen. Nach der ersten Wahl setzte er auf Eskalation, nach der Wiederwahl hieß es nur noch „Raus da!“

Was blieb den USA nach 1975? Eine traumatisierte Nation und die Erkenntnis nie wieder die Presse so nah an die Realität des Krieges herankommen zu lassen.

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