ESCH/BELVAL
PATRICK WELTER

Zwei junge Psychologen gehen mit ihrem Start-up neue Wege mit der Generation 50plus

Zwei junge Leute Mitte zwanzig sitzen hier im Foyer der Universitätsbibliothek und wollen etwas über intelligente Beschäftigungsprogramme für Menschen jenseits der 50 erzählen. Was sollen die beiden denn schon über den Bruch zwischen Arbeitswelt und Ruhestand wissen? Noch vor einer Generation wären beiden wohl eine Menge böser Sprüche um die Ohren geflogen. „Was wollt ihr denn?“ wäre noch der Höflichste gewesen.

Da sich aber die Gesellschaft und das Altern deutlich geändert haben und Menschen, die die 50 hinter sich gelassen haben, heute mit dem Begriff „Senioren“ hadern und auf neudeutsch ziemlich „open minded“ sind, haben die beiden 23-jährigen mit ihrer Idee, dem sozialen Start-up „GoldenMe“, schnell Zuspruch gefunden.

Hinter „GoldenMe“ stehen Mara Kroth und Johannes Heuschkel. Die Koblenzerin Mara hat an der Universität Luxemburg ihren Bachelor in Psychologie gemacht und absolviert jetzt ein berufsbegleitendes Master-Studium Management und Coaching. Johannes stammt aus der Nähe von Heidelberg und ist dabei sein Bachelor-Studium Psychologie in Luxemburg abzuschließen. Beide haben sich übrigens ganz bewusst für ein Studium an der Universität Luxemburg entschieden.

„GoldenMe“ - ein gemeinnütziger Trägerverein ist gerade in Gründung - versteht sich als Community für Ruheständler oder Menschen kurz vorm Ruhestand. „Ruhestand“ ist dabei ein Begriff, den Mara Kroth ganz und gar nicht schätzt. Nicht zuletzt, weil Ruhe im Sinne von Nichtstun rasch tödlich sein kann. „GoldenMe“ ist eine „Community“ die den Übergang zum Ruhestand erleichtern will, indem man Menschen hilft, aktiv zu werden und selbst zu gestalten. Die „Golden events“ drehen sich um die verschiedensten Themen. Zwei Beispiele: Vorträge zu Achtsamkeit und Smartphone-Cafés, um zu zeigen was alles mit den Geräten möglich ist. Aber die Sache ist keine Einbahnstraße. Genauso gut können sich Leute mit eigenen Projekten für eine Zusammenarbeit an die „GoldenMe“-Community wenden.

Derzeit umfasst die Community ungefähr 200 Mitglieder, die sich über den digitalen Newsletter von „GoldenMe“ informieren lassen. Das soziale Start-up wird von der Universität und der Stadt Esch/Alzette praktisch unterstützt und kooperiert mit einigen der „Club senior“ im Land.

Einsamkeit der Menschen war ein Anstoß

Einer der Anstöße, um „GoldenMe“ zu gründen war das Phänomen der Einsamkeit bei alten Menschen. Johannes hat eine Zeit lang in einem - wie er betont - guten Altenheim gearbeitet, aber auch dort entdeckt, dass vieles verbesserungswürdig ist. Wobei die Macher von „GoldenMe“ klarstellen, dass die Altenheim-Generation nicht ihre Zielgruppe ist.

„GoldenMe“ wendet sich an die Altersgruppe 50 bis 69, die aus dem Ruhestand einen „Unruhestand“ machen will. Der Community-Gedanke ist aus der Beobachtung entstanden, dass es Menschen nach dem Ende des Berufslebens an Gruppenbindung mangelt. „GoldenMe“ will Menschen miteinander ins Gespräch bringen. Es geht auch darum, aus der betulichen „Senioren-Ecke“ herauszukommen. „Die Leute sollen sich dafür entscheiden etwas zutun,“ sagt Mara.

Derzeit wird das Start-up vom Familienministerium, dem University of Luxembourg Incubator und anderen unterstützt, langfristig sollen auch Sponsoren gewonnen werden. Mit einer soliden finanziellen Basis kann die Arbeit weiter professionalisiert werden, um „tausend andere Ideen umzusetzen“, wie Mara meint. Es geht aber nicht darum, ein Start-up nach dem Prinzip „grow fast“ aufzubauen und es dann zu verkaufen, vielmehr wünschen sich die Macher einen gesunden finanziellen Rückhalt für „GoldenMe“.

Derzeit fehlt es „GoldenMe“ noch an Infrastruktur. So gibt es noch kein Büro oder eine offizielle Anlaufstelle. Alle Kontakte funktionieren über das Internet, die Veranstaltungsorte wechseln. Auch das wird sich ändern. Die Werbung für die Angebote von „GoldenMe“ läuft über Facebook, den eigenen Newsletter und - ganz klassisch - über Plakate an der Universität und in Esch. Der beste Weg, um über die Arbeit von „GoldenMe“ auf dem Laufenden zu bleiben, ist ein Abonnement des Newsletter via www.goldenme.me.

Smartphone-Café und Kooperationen

Zu den Veranstaltungen kamen bis jetzt im Schnitt 30 Leute. Am 5. Februar gibt es in Zusammenarbeit mit „gesond.lu“ eine Veranstaltung zum Thema, ‚Was passiert, wenn die Eltern - also die Generation Ü80 - pflegebedürftig werden“. Das erfolgreiche Smartphone-Café wird wiederholt, bei einem anderen Event wird es in Zusammenarbeit mit BeeSecure um Internetsicherheit gehen. Interessant dürfte die von „GoldenMe“ lancierte intergenerationelle Zusammenarbeit zwischen dem „Club Syrdall“ und dem Jugendhaus Sandweiler, die 2020 startet, werden.

80 Prozent der Teilnehmer an „Golden Events“ sind Luxemburger mit einem Durchschnittsalter von 63 Jahren. Eigentlich spielt die Biologie eine untergeordnete Rolle. Für Mara und Johannes zählt das „mentale“ Alter ihrer Klientel. Einer ihrer engagiertesten Mitstreiter ist 77. Die Mitglieder der Community kommen meistens aus dem gehobenen Mittelstand sind intellektuell angehaucht und Begriffe wie Achtsamkeit sind ihnen nicht fremd und sie wollen sinnvoll leben. Was alle prägt ist die Offenheit für anderes.

Wenn sich „GoldenMe“ fest in Luxemburg etabliert hat, soll es hinausgehen in die Großregion. Bei ausreichender finanzieller Unterstützung durch Spenden und Sponsoren will man dann auch andere soziale Projekte für die Altersklasse 50 bis 69 außerhalb Luxemburgs fördern. Voraussetzung dazu ist die Struktur als Verein (asbl) auszubauen, mehr Ehrenamtliche zu gewinnen und einfach gute Projekte zu machen.

Die zentrale Botschaft der beiden jungen Macher von „GoldenMe“, von Mara und Johannes, ist einfach: Nach dem Eintritt in die Rente kommt eine Blütezeit und keine Lücke. Aktivität statt Ruhestand - zusammen mit anderen!

www.goldenme.me