COLETTE MART

Ganz überraschend entstand, inmitten der zögerlichen Bemühungen um die kommende kulturelle Saison ein neuer luxemburgischer Schriftstellerverband. Unter dem Namen „A:LL Schrëftsteller*innen“ möchten in einer Anfangsphase 20 Autoren die Interessen der Schriftsteller in der Gesellschaft vertreten.
Die Gründung des Verbandes erinnert unweigerlich an jene des LSV in den achtziger Jahren, als sich in der Escher Kulturfabrik namhafte Autoren trafen, um der Luxemburger Literaturszene mehr Sichtbarkeit zu verleihen, und den Platz der Schriftsteller in der Kulturszene zu festigen. Der LSV hat ohne Zweifel zahlreiche Verdienste, organisierte er doch regelmäßig Lesungen, veröffentlichte Anthologien zu verschiedenen Themen, erreichte die Bezahlung besserer Honorare, und arbeitete an einer Anthologie der Luxemburger Literatur für die Primär- und Sekundarschulen mit.  
Die Bilanz des LSV ist damit gar nicht so schlecht, und sein Ableben im Jahre 2011, das u.a. mit einem Generationswechsel in der Schriftstellerszene, einem starken Individualismus der einzelnen Mitglieder, sowie dem schwindenden Engagement der ersten Generation der LSV-Protagonisten zu erklären ist, hinterließ dann doch auf der Kulturszene eine Leere.
Zwar verdankt die Luxemburger Literatur dem Wirken des Merscher Literaturzentrums eine subtile und wertvolle Aufarbeitung, aber die etwas rebellische Dynamik, die über Jahre von einem LSV ausging, hatte seinen Charme und seinen Platz.
Allerdings änderten sich mittlerweile die Zeiten und auch die gesellschaftlichen Werte. Die Luxemburger Sprache registriert großes Interesse, viele Nicht-Luxemburger sind in Kurse eingeschrieben, und könnten durchaus ein Publikum für Luxemburger Bücher werden.  
Die Lesegewohnheiten der Menschen änderten sich, der Laptop ersetzt oft das Buch, der Buchhändler von nebenan muss gegen die Konkurrenz des Online-Büchervertriebs kämpfen, und die Organisation von Lesungen und Buchmessen ist im Kontext der Pandemie schwierig geworden.  Trotzdem ist gerade die Rückkehr zum Buch eine der positiven Nebenerscheinungen der Kulturpause der letzten Monate.  Wer nicht ins Theater, ins Konzert oder ins Kino gehen konnte, vertiefte sich ja vielleicht zuhause in ein gutes Buch, entdeckte alte Lieblingsschriftsteller wieder, ließ sich in die eigene Jugend zurückversetzen, wo vielleicht dieser oder jener Autor wichtig gewesen ist.
Das Buch ist und bleibt in der Kultur der beste Weg zu uns selbst, zu dem, was wir selber denken und fühlen, zu einer ruhigen Stunde inmitten eines immer stressiger werdenden Alltags.   Das Buch ist darüber hinaus erschwinglich, kann quasi umsonst ausgeliehen werden, und Gemeindebibliotheken tragen in diesem Sinne zur Demokratisierung der Kultur bei.  
Neben der traditionellen Luxemburger Literatur für Jugendliche und Erwachsene mauserte sich die Kinderliteratur, die auch in Schulklassen beliebt ist, wo unsere Sprache erlernt wird.  Der Markt besteht also durchaus weiter für das Luxemburger Buch, und über unsere Gesellschaft gibt es unheimlich viel zu sagen, zu schreiben, zu reflektieren. Es wäre demnach wünschenswert, wenn der neugegründete Schriftstellerverband Menschen und Institutionen effizient und sensibel zugleich erreichen würde.