HASSLOCH/LUXEMBURG
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Haßloch in der Pfalz ist der Traum der Marktforscher

Bettina Finco ist Supermarktkundin in besonderer Mission. Die 52-Jährige aus dem pfälzischen Haßloch macht bei einem großen Praxistest für Produkte mit, die noch gar nicht auf dem Markt sind. In sechs Haßlocher Supermärkten werden sie angeboten, damit man sehen kann, wie sie ankommen.

Finco und mehrere Tausend andere Bürger entscheiden mit ihren Einkäufen über Top oder Flop - und bestimmen so indirekt ein bisschen mit, welche Schokoriegel, Deos oder Zahnpasten auf den Markt kommen. Auf Haßloch fiel die Wahl, weil die Einwohner die Menschen in Deutschland besonders gut repräsentieren. „Wir sind durchschnittlich, aber im positiven Sinne“, scherzt Finco.

Organisiert wird der Großversuch mit 3.400 der 12.400 Haßlocher Haushalte von dem Marktforschungsunternehmen GfK im Auftrag der Produkt-Hersteller. Sie wollen nach größeren Vorarbeiten wissen, ob sie ihre Entwicklung auf den Markt bringen können. „Was wir hier machen, ist eine Generalprobe“, sagt der für die realen Testmärkte verantwortliche GfK-Direktor Andreas Völtl. Nach seinen Angaben ist das Projekt, das im nächsten Jahr 30-jähriges Bestehen feiert, in dieser Form einmalig.

Zehn bis 15 neue oder veränderte Produkte kommen pro Jahr im „ Musterdorf“ auf den Prüfstand. Um welche Waren es sich handelt, ist geheim, sie stehen unauffällig in den Regalen. „Man erkennt es nicht, und man kriegt es nicht gesagt“, berichtet Finco. „Es sollen ganz normale Bedingungen sein, unter denen man einkaufen geht.“ An der Kasse zeigen die Test-Teilnehmer ihr GfK-Kärtchen vor, ihre Einkäufe werden anonymisiert an das Handelsunternehmen gemeldet, das die Daten an die GfK weiterleitet.

Tests zur Risikominimierung

Zu dem Test gehört auch Werbung, wenn der Auftraggeber das möchte. Sie kommt - in Form von speziellen TV-Spots, die in Haßloch eingespeist werden - via Kabelfernsehen in die Test-Haushalte, ohne dass diese es merken. 1986 waren schon 90 Prozent des Ortes verkabelt - ein weiterer Grund, Haßloch den Zuschlag zu geben.

Allerdings bekommt nur die Hälfte die Spezial-Werbung zu sehen, die andere Hälfte - die „Kontrollgruppe“ - sieht das normale Programm. Außerdem bekommen alle Haushalte wöchentlich eine TV-Zeitschrift, die zum Teil ebenfalls die besondere Werbung enthält. Wenn ein Auftraggeber will, wird auch plakatiert. Bis zu ein paar hunderttausend Euro kann ein Test kosten.

Nach Völtls Darstellung ist das gut angelegtes Geld. „Wir bewahren die Hersteller vor großem Schaden“, sagt er. Denn in Haßloch werde unter realistischen Bedingungen getestet. Fällt die Prüfung schlecht aus, können sie sich die Ausgaben für die Einführung eines Produkts sparen. Es sei keine Seltenheit, dass von den paar Tausend Artikeln, die pro Jahr neu auf den Markt kommen, einige nicht einschlügen. „Die Flop-Raten sind hoch.“

Kriterium für einen Gang auf den Markt kann sein, wie viel Prozent der Haushalte das Produkt mehrmals nacheinander kaufen und wie häufig sie das in einem bestimmten Zeitraum tun.

Die Kaufentscheidung des Verbrauchers bestimmt die Produktentwicklung der Unternehmen, der Testmarkt Haßloch bringt deshalb einen wichtigen Mehrwert.

Gibt es ein Datenschutzproblem?

Nachdenkliche Töne kommen von Verbraucherschützern. Der Kunde müsse sich fragen, ob die Preisgabe seiner Daten im angemessenen Verhältnis zu dem stehe, was er dafür bekomme, sagt Christian Gollner von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Zudem solle er die Datenschutzbestimmungen des Unternehmens im Blick behalten, denn die könnten geändert werden.

Bettina Finco stört es nicht, dass andere ihre Einkaufsgewohnheiten kennen. „Ich möchte nicht wissen, was alles über mein Handy ausspioniert werden kann“, sagt sie. Ihre Familie macht seit 1995 mit. Zum Dank gibt es die Fernsehzeitschrift, außerdem verlost die GfK unter den Teilnehmern regelmäßig Einkaufsgutscheine. Ihre Eltern waren von Anfang an dabei, die GfK zahlte damals einen Teil der Kabelgebühren. Außerdem seien die Haßlocher stolz darauf, dass gerade hier getestet werde.