LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Völklinger Hütte: Nicht die Kulturevents, sondern Rost und Ruß machen den Welterbe-Status aus

Die englischsprachige Webseite der UNESCO beschreibt zunächst den Standort der „Völklingen Ironworks“ und was erhalten ist, die Begründung folgt danach. Wir wissen, wo die Völklinger Hütte steht, daher können wir hier die Begründung der UNESCO voranstellen. Damit wird auch die wichtigste Frage beantwortet: Was macht diesen riesigen Haufen Eisen so besonders? Was stellt ihn auf eine Stufe mit der Altstadt von Luxemburg, mit den Römerbauten von Trier oder anderen berühmten Denkmälern in der ganzen Welt? Vor allem zwei Dinge: Integrität und Authentizität.

Um diese Begriffe besser zu begreifen lohnt es sich die UNESCO (aus dem englischen Original) zu zitieren: „Der herausragende universelle Wert der Völklinger Hütte liegt in ihrer einzigartigen Vollständigkeit und Originalität. Technologische Meilensteine wie die Trockengasreinigungsanlage, die erste ihrer Art in einem so großen Maßstab, die Hängeförderanlage (die größte ihrer Art) und die Pioniersinteranlage sind integrale Bestandteile eines komplexen Roheisenwerkes des 19. und 20. Jahrhunderts, das auf engstem Raum konzentriert ist.“ Weiter heißt es: „Die Merkmale der Völklinger Hütte sind weitgehend so erhalten, wie sie ursprünglich gebaut wurden, und die Anlage ist vollkommen authentisch, da seit der Einstellung der Produktion im Jahr 1986 nur geringfügige Ergänzungen oder Abrisse stattgefunden haben.“

Auf einem Gelände von sechs Hektar kann man also etwas sehen, was es sonst nirgendwo mehr gibt. Die Hochöfen prägen das Bild von Völklingen noch heute. Für die Älteren ist es immer noch die Hütte, für die Jüngeren ein Kultur, Ausstellungs- und Eventzentrum. Aber es bleibt in allererster Linie ein Industriedenkmal. Immer noch können die Besucher alle Stufen des Roheisenproduktionsprozesses nachvollziehen. Bei ausreichender Schwindelfreiheit auch von ganz oben auf den Hochöfen.

Wer sich von den Ausstellungen ab- und sich dem Denkmal selbst zuwendet, sieht, dass er oder sie durch eine Eisenhütte aus den 1930er Jahren läuft, denn seit dem Umbau der Kokerei 1935 wurden keine neuen Anlagen gebaut. Es gibt jede Menge historische Zeugnisse, große oder kleine Einzelstücke, die ihre ursprüngliche Form im Wesentlichen bewahrt haben. Große Teile der Plattformen der Hochöfen sind seit ihrer Aufstellung um 1900 nicht verändert worden. Genauso wie der Kohlenturm von 1898.

Sechs der zwischen 1905 und 1914 gebauten Gasmotoren für die Gebläse sind immer noch da. Heute bildet die Gebläse-Halle mit den riesigen Schwungrädern den Kern der „Kultur-Hütte“. Die Gebläse-Halle ist so für große Ausstellungen zu einem festen Begriff geworden.

Aber auch andere Anlagen sind immer noch da, wie das Fördersystem via Seilbahn von 1911 und die Gasreinigungsanlage aus der gleichen Zeit. Darüber hinaus sind im Kraftwerk unter den Hochöfen Reste eines noch älteren Eisenwerks erhalten.

Nicht umsonst wurde die Hütte konsequent unter Schutz gestellt und seit 1987 ist sie ein Kulturdenkmal nach dem Denkmalschutzgesetz. Mit der Erhebung zum Weltkulturerbe im Jahr 1994, als erste Industrieanlage überhaupt, wurde diese einzigartige Stellung der Völklinger Hütte weltweit anerkannt.

Doch was tun mit dem riesigen Gelände? Die erfolgreiche Nutzung als Eventplatz und besucherfreundliches weitläufiges Industriemuseum ist, stark vereinfacht, nur ein Vehikel, um das Kulturdenkmal zu bewahren. Denn die Erhaltung dieser Industriekathedrale aus Eisen ist nicht weniger aufwändig als die einer echten gotischen Kathedrale.

Ein vielköpfiges Team aus Denkmalpflegern, Museumsleuten und Ingenieuren muss sich mit den besonderen Problemen herumschlagen, die ein rostendes Eisenhüttenwerk für Denkmalpflege und Erhaltung, jeden Tag aufs Neue bringt. Der erfolgreiche Kulturbetrieb der Völklinger Hütte ist nach außen der sichtbarere Teil, sorgt auch für ein finanzielles Polster, aber die eigentliche Arbeit zur Erhaltung des Weltkulturerbes wird hinter den Kulissen geleistet.

DER GRÜNDERVATER | Prof. Meinrad Maria Grewenig

Nach 20 Jahren an der Spitze der Völklinger Hütte musste der gebürtige Saarbrücker Prof. Dr. Meinrad Marie Grewenig nun gehen. Grewenig, der vorher das Pfalzmuseum in Speyer äußerst erfolgreich geleitet hatte, kam 1999 als Retter in der Not und brachte die vor sich hin dümpelnde Völklinger Hütte auf Kurs – nicht nur als Kultur- und Eventzentrum, sondern auch als Industriedenkmal. Er schaffte es mit populären Ausstellungen einerseits und ambitionierten Projekten wie der „Urban Art“ hunderttausende Besucher nach Völklingen zu locken. Grewenig wurde zum Synonym für die Völklinger Hütte – was dem barocken Museumsmacher bei der Politik trotz seiner Erfolge keine Pluspunkte einbrachte.

DER NEUE MANN | Dr. Ralf Beil

Lausanne, Darmstadt, Wolfsburg und Völklingen. So kann man den Weg von Dr. Ralf Beil, neuer Generaldirektor der Völklinger Hütte überschreiben. Beil hat die Stelle zum 1. Mai angetreten. Beil, geboren 1965, war unter anderem von 2004/2005 am Musée cantonal des Beaux-Arts Lausanne. Von 2006 bis 2015 Direktor des Instituts Mathildenhöhe Darmstadt. Von 2015 bis 2018 Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg. Beil hat eine klare Vorstellung von seiner Arbeit: „Die Völklinger Hütte ist ein großartiger Möglichkeitsraum für faszinierende Kunst- und Kulturprojekte jenseits des Mainstreams. Verstärken möchte ich in Zukunft die Auseinandersetzung mit Realitäten und Visionen unserer Lebenswelt.“

Industrieanlagen und Ausstellung sind wieder geöffnet

Die Hütte nach dem Lockdown

Die Völklinger Hütte, „das weltweit einzige vollständige erhaltene Eisenwerk aus der Blütezeit der Industrialisierung“ (Pressetext) ist seit dem 15. Mai wieder geöffnet und zeigt sich den Besuchern wie seit 20 Jahren gewohnt von zwei Seiten. Einerseits kann man Meilensteine der Technikgeschichte erkunden, andererseits moderne Kultur kennenlernen. Die bisher nur virtuell zugängliche Ausstellung  „Afrika – Im Blick der Fotografen“ ist jetzt auch real zugänglich.
Die Wege durch das Industriedenkmal „Völklinger Hütte“ eignen sich bestens für das  derzeit angesagte Abstandhalten. Das Gelände ist weitläufig, die Covid-19-Abstandsregeln sind problemlos einzuhalten. Ein Mund-Nasen-Schutz muss als zusätzliche Maßnahme mitgebracht und in geschlossenen Räumen getragen werden. Der Höhepunkt eines Rundgangs durch die Hütte ist der Aufstieg zur Aussichtsplattform der Hochöfen in 45 Meter Höhe. Bald sollen auch die Trockengasreinigungen und der Wasserhochbehälter für Besucher zugänglich sein.
Die Afrika-Ausstellung läuft noch bis zum 1. November. Parallell dazu beginnt schon im September eine komplett andere Ausstellung: „Mon Trésor  -  Europas  Schatz im Saarland“  gibt die Antwort auf die Fragen: Was haben der goldene Halsring der Fürstin von Reinheim, das erlesene Geschirr für den Orient-Express und die Sendehalle des Radiosenders „Europe 1“ an der deutsch-französischen Grenze bei Berus gemeinsam? Sie alle zählen zu den Schätzen des Saarlandes. Die Ausstellung „Mon Trésor – Europas Schatz im Saarland“ zeigt herausragende Objekte der Archäologie, Technik und Kunst von den Kelten bis heute.  Sie erzählt von den archäologischen Wurzeln, von der grenzüberschreitenden Industriekultur und von der europäischen Idee.  PW

 „Mon Trésor - Europas  Schatz im Saarland“ 12. September 2020  -  11.  April 2021; täglich 10.00 bis 19.00 Uhr; im Winter 10.00 bis 18.00  www.voelklinger-huette.org