LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Hollywood hat sich mit den Weltuntergangsszenarien bereits eine goldene Nase verdient. Das Ende der Welt stellt seit eh und je eine Art Faszination dar, die trotz ihrer eigentlichen Grauenhaftigkeit eine gewisse Anziehungskraft in sich birgt. Nun ist in den Katastrophenfilmen die Apokalypse meist in einer schwer zu übertreffenden Furchtbarkeit dargestellt, Höllenszenarien gleich, mit sich auftuenden und alles verschlingenden Abgründen ausstaffiert. Dass der jüngste Tag der Menschheit für uns Erdenbürger der absolute Horror darstellt, darüber herrscht Konsensus. Wir Menschen, die das Leben in Laster, Verschwendung und Sünde leben – dem eigentlich nicht unbedingt widersprochen werden kann, siehe Umweltverschmutzung, Gier, Hass, Gewalt und so weiter –, haben es also gar nicht anders verdient, als dass uns, wenn es denn schlussendlich so weit ist, ein grausiges, entsetzliches und fürchterliches Ende ereilt. Auch zu Kants Zeiten fanden sich Theorien, nach denen unser Erdenleben von vornherein als ein verächtliches auszulegen ist, dem demnach auch kein positives Aus bevorstehen kann. Im 18. Jahrhundert schwirrten Thesen umher, nach denen das irdische Leben entweder als einem Wirtshaus ähnelnd dargestellt wurde, da jeder im Leben Einkehrende bald von einem anderen wieder verdrängt wird. Oder etwa als Zuchthaus, da die Seele in den unreinen, weltlichen Körper gefallen ist und sich nun zunächst einer Reinigung unterziehen muss, ehe sie wieder in ihrer Himmlichkeit bestehen kann. Vielleicht ist die Erde aber auch ein Tollhaus, eine psychiatrische Anstalt, in der allgemeines Chaos herrscht und der eine dem anderen im Wahn auf die Füße tritt, welches, angesichts der heutigen Lage, auch wiederum kein so schlechtes Gleichnis ist. Dann ist noch die These zu erwähnen, nach der wir Menschen eine Kloake bewohnen, in der alles Unrat des Universums sich sammelt, also auch wir. Der gute Kant, bedeutendster Denker des 18. Jahrhunderts, führt diese Beispiele in seiner Schrift „Das Ende aller Dinge“ von 1794 an, weigert sich aber, diesem pessimistischen Weltbild zuzustimmen. Zunächst einmal fragt Kant, inwiefern das Ende aller Dinge mit unserer Vorstellung der auf den jüngsten Tag folgenden Ewigkeit in Verbindung steht, denn, wie es in der Apokalypse (X, 5,6) steht, „hebt ein Engel seine Hand auf gen Himmel, und schwört bei dem Lebendigen von Ewigkeit zu Ewigkeit, der den Himmel erschaffen hat, u.s.w.: daß hinfort keine Zeit mehr sein soll“. Mit dem Aufheben der Zeit geht aber die Aufhebung all dessen einher, was wir in der Zeit, also in der Welt, erfahren. Alle Dinge, die uns umgeben, bestehen für uns als Zeitrelation. Sie haben einen Anfang, eine Dauer und ein Ende. Demnach erwarten wir also auch, dass unsere Welt ein Ende nehmen wird. Etwas außerhalb dieses Rahmens konkret wahrnehmen, das können wir laut Kants epistemologischen Ansatz nicht, denn all das, was wir anschauen, nehmen wir durch unsere Art der Wahrnehmung als räumlich-zeitlich geordnet wahr. Abstraktes und Metaphysisches können wir zwar sehr wohl denken, nicht aber anschauen und daher auch nicht erkennen. Wenn nun also die Zeit aufgehoben wird, mit ihr alles Veränderliches, ist dies dann der Anfang einer Ewigkeit? Was ist diese Ewigkeit? Ein Himmelreich oder eine Verdammnis? Wir können es nicht wissen, uns nicht als Bewohner der Ewigkeit denken, da selbst unser Denken in der Zeit besteht. Um aber nicht in Mystik und Widersprüchen unterzugehen und um seinen Geschichtsoptimismus zu unterhalten, gilt für Kant die Vorstellung der über allem Zeitlichen stehenden Moral, die auch für den Erdenbürger das metaphysische Prinzip der guten Lebensführung schlechthin darstellt, als praktikabelste Lösung. Zwar gibt das Bild der Menschheit, damals übrigens bereits in ähnlichen Zügen, wie heute, nicht unbedingt Anlass für hoffnungsvolle, rosige Aussichten. Schließlich steht Genuss und Befriedigung öfter vor Moral und Vernunft, als es für uns alle gut ist. Jedoch ist sich Kant sicher, dass das Mittel, mit dem allem Übel in der Welt entgegengetreten werden kann, die Sittlichkeit, eines Tages die Gefräßigkeit und Unmündigkeit der Bürger überholen wird. Denkbar möglich ist dies schon, denn im Grund können wir alle über das allgemeingültige (!) Gut und Böse Bescheid wissen und unsere Handlungen danach ausrichten. Dann wäre der jüngste Tag auch eher eine „Eliasfahrt“ und nicht einer „Höllenfahrt“ gleich, wie Kant schreibt. Wer nämlich nach dem moralischen Gesetz lebt und die sittliche Anlage im Menschen kultiviert, anstatt sie zu ignorieren oder gar in Abrede stellt, wird sich der unmoralischen Last seiner Existenz zu Lebzeiten befreien und dem Ende aller Dinge ohne Angst entgegensehen. Nein, Kant hat nicht ein Szenario der potenziellen Einreise in die Ewigkeit beschrieben. Dies stellt ein bloßes Postulat dar, nach dem wir uns mit dem, was wir nicht wissen (das, was nach dem Ende aller Dinge auf uns wartet), auseinandersetzen können. Und weiter: Es gibt uns gar eine Ordnung, durch die wir das jetzige Leben auf Erden moralisch-praktisch gestalten und der gesamten Menschheitsgeschichte einen positiven, weil sich der Moral und Freiheit annähernden, Verlauf gewähren können. Doch wie seufzte auch schon der bekannte Mann aus Königsberg: „Allein dieser heroische Glauben an die Tugend scheint doch, subjektiv, keinen so allgemeinkräftigen Einfluß auf die Gemüter zur Bekehrung zu haben, als der an einen mit Schrecken begleiteten Auftritt, der vor den letzten Dingen als vorhergehend gedacht wird.“