LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Jeder Mensch arbeitet durchschnittlich 100.000 Stunden in seinem Leben -

Es kommt nicht oft vor, dass Diskussionen so lebhaft ablaufen wie am Donnerstag Abend in der Handelskammer. „Das Ende der Arbeit?“ lautete das Thema des Rundtisch-Gesprächs, bei dem BCEE-CEO Françoise Thoma, Nasir Zubairi, CEO of the Luxembourg House of Financial Technology (LHoFT), Bernhard Dedenbach, Partner und Gründer der BD Associates SA und der „Partners to Leaders Federation“ sowie Arbeitsminister Nicolas Schmit ihre Meinung deutlich zum Ausdruck brachten. Der Moderator Roger Hartmann stellte offenbar die richtigen Fragen auf der Veranstaltung, die letztlich auch Werbung für das 48. St. Gallener Symposium (siehe Kasten) machte.

Das von der Schweizer Botschaft unterstütze Gespräch zählte unter den rund 40 Gästen auch den deutschen Botschafter Dr. Heinrich Kreft und den ehemaligen Uni-Rektor Rolf Tarrach. Da die Äußerungen der Teilnehmer sehr prägnant waren, haben wir uns entschieden, drei von ihnen mit ihrer Meinung zum Thema vorzustellen. Denn ob es morgen noch Jobs gibt und wie sinnvoll Schule oder ein bedingungsloses Grundeinkommen sind, darüber herrschte keineswegs Einigkeit.

Françoise Thoma, CEO BCEE

„Ich bin CEO der ältesten Bank in Luxemburg, denn die BCEE wurde 1856 gegründet. Die Welt hat sich seither oft geändert. Wir stehen vor zwei Fragen: die Automatisierung allgemein und das Ende der Arbeit als mögliches Resultat. Da haben wir zwei Möglichkeiten: „Let’s make it happen oder let it happen“. Meine Wahl ist da klar. Die Mitarbeiter in der Bank wollen ganz konkret wissen, ob es ihren Job in fünf Jahren noch gibt. Sie haben Angst, wollen aber auch etwas Sinnvolles tun. Es gibt einen großen Willen zu lernen und sich anzupassen. Unsere Rolle ist es, diese Ängste anzugehen und die Leute zu schulen. Es werden nicht alle mitkommen. Die Frage im Finanzbereich ist: Wann ist die Zukunftsmusik Realität? Doch das ist eine Entwicklung, die langsam kommt; nicht über Nacht. Es gibt eine große Bandbreite im Verhalten der Kunden. Das macht das Geschäft nicht gerade profitabler. Wir trainieren die Mitarbeiter und lassen die Kunden über die Geschwindigkeit der Anpassung entscheiden. Aber wenn sich etwas ändert, sollte man vorn dabei sein und nicht hinterher hinken. Bislang zeigt sich: Bei jedem Wandel gab es mehr Jobs, nicht weniger. Egal, was man heute studiert: Es ist schon veraltet, wenn man die Universität verlässt. Also geht es um Fähigkeiten.“

Bernhard Dedenbach, Headhunter und Gründer der BD Associates SA und der „Partners to Leaders Federation“

„Ich habe keine Angst vorm Ende der Arbeit. Es heißt ja immer, kämpfe oder fliehe. Aber vor Technologie kann man nicht flüchten. Also müssen wir uns der Technologie stellen. Dabei gibt es auch die gute Nachricht, dass niemand mehr körperlich schuften muss. Kohle und Pferde-Pflüge gehören der Vergangenheit an. Aber das hat seinen Preis. Doch wenn wir das Handy als Arbeitsmittel akzeptieren, dann bedeutet das nicht, dass das Handwerk keinen Platz mehr hat; im Gegenteil. Wer schon mal einen guten Schlosser, Klempner oder Schreiner gesucht hat, der weiß, wovon ich spreche.

Wandel gehört zu unserem Leben, zu jedem von uns. Ich wäre besorgt, wenn es keinen Wandel gäbe. Wandel ist gut. Viel wichtiger aber ist: unsere Gesellschaft steht vor einer großen sozialen Herausforderung, denn wir brauchen Menschen, die sich um die Menschen kümmern. Denn das ist das, was Maschinen nicht können: Intuition, Mitgefühl, Vertrauen und Verantwortung. Ich arbeite mit CEOs und sehe täglich, dass Unternehmen gerade deswegen erfolgreich sind, weil sie von Menschen geführt werden. Wer Technologie zu sehr vertraut, verliert die Kontrolle. Und: Arbeit ist nicht nur eine Einkunftsquelle. Da geht es nicht nur ums Geld, sonst reden wir über Einkommen und nicht über Arbeit. Wir beobachten eine „UBERisierung“ der Arbeit, bei der uns die große Vernetzung zugute kommt. So wie bei UBER kann jemand an einem Tag Fahrer, am nächsten Kunde und am übernächsten Mechaniker sein. Das bedeutet: Wer ein Unternehmen hat, muss sich so organisieren, dass jeder alle seine Fähigkeiten nutzt. In zehn Jahren werden die meisten Freelancer sein. Arbeit wird über Plattformen laufen und Arbeitgeber müssen sich fragen, wo die Mitarbeiter sind, die sie brauchen. Technologie erlaubt uns, Wissen zu teilen. Wichtig ist, dass die Arbeit uns einen Sinn gibt. Aber Wandel ist ein langer Weg, ein Prozess der täglichen kleinen Schritte.

Wie wir die Jugend darauf vorbereiten? Erziehung und Bildung starten zuhause. Wie wir uns begrüßen, wie wir miteinander umgehen. Ich unterrichte Studenten in Sankt Gallen, die das lernen müssen. Häufig fehlen allgemeine Umgangsformen, und was in der Schule gelehrt wird, ist weit entfernt vom Arbeitsalltag. Oft fehlt es auch an Basiswissen und Allgemeinbildung. Immer häufiger begegnen wir Uni-Absolventen mit Diplom, die nicht mehr richtig schreiben können.“

Nasir Zubairi, CEO des „Luxembourg Houseof Financial Technology“ (LHoFT)

„Wandel braucht Zeit. Ich habe in den 80ern im Kapitalmarktbereich gearbeitet, wo Algorithmen schnell viele Leute Jobs kosteten. Aber die Jobs wurden überflüssig, nicht die Leute. Sehen Sie Blockchain: Die Technologie gibt es schon seit zehn Jahren, aber jetzt erst setzt sie sich langsam durch. Eine US-Studie hat nachgewiesen, dass überall da, wo Automatisierung stattfand, so viele Leute wie nie zuvor arbeiteten. Denken Sie nur an die Geldautomaten und die Angst, die es in Luxemburg gab, als das aufkam. Aber die Leute haben andere Aufgaben übernommen. Nicht nur Junge profitieren vom Wandel. Die meisten Start-up-Gründer sind Mitte 40. Wir müssen weg von der medialen Glorifikation der Jugend.

Was mir Angst macht, sind die Kinder von heute. Die meisten machen nicht mal mehr Hausaufgaben, ohne dass die Eltern daneben sitzen. Ich verstehe nicht, warum meine Kinder das gleiche lernen sollen wie ich vor 35 Jahren. Warum lernt mein Kind Geographie? Ist das noch wichtig? Wir schaffen eine Gesellschaft, die nicht mehr auf den Arbeitsmarkt vorbereitet ist und umgekehrt. In der Schule wird Scheitern bestraft. Dabei lernt man gerade dabei am meisten. Ich habe in den vergangenen Jahren ernsthaft über eine Extra-Schule nachgedacht. Vom bedingungslosen Grundeinkommen halte ich nicht viel. Wenn das so läuft, wird es viele Menschen geben, die nichts tun. Ich sehe aber die Gesellschaft so, dass Arbeit nicht nur dazu da ist, Geld zu verdienen. Wenn jemand krank ist, Fortbildung braucht oder so, ist das Absicherung. Das unterstütze ich.“