NEW YORK/SEATTLE
OLIVER BECKHOFF (DPA)

Mit der Trennung Kim Gordons von Mit-Frontmann Thurston Moore zerbrach die einflussreiche Band - Nun bringen beide fast gleichzeitig Solo-Alben heraus

Sonic Youth waren schon Helden, als Kurt Cobain noch keinen brauchbaren Laut aus einer Gitarre bekam. 1981 gegründet, ebneten die avantgardistischen Noise-Rocker vielen, die danach kamen, den Weg. Das Album „Daydream Nation“ (1988) gilt bis heute als prägend für eine ganze Ära. Im Falle von Nirvana muss man den Status als Wegbereiter sogar wörtlich nehmen: Es war Sonic-Youth-Sängerin Kim Gordon, die dem ebenfalls längst legendären Seattler Label Sub Pop den noch alles andere als massentauglichen Erstling „Bleach“ schmackhaft machte und so einen Anteil hatte am kometenhaften Aufstieg des Grunge.

Keine Vertiefung in eine „No Future“-Haltung

Rohe jugendliche Wut und zelebrierte Perspektivlosigkeit trafen auf Holzfällerhemden und lange Haare - ein Mix, der Millionen von Neunziger-Jahre-Teenagern begeisterte. Heute wirkt das lange her: Grunge gibt es nicht mehr, Cobain auch nicht. Und die Jugend von heute setzt sich lieber für den Erhalt des Planeten ein, wie die Fridays-For-Future-Demos nahelegen, als sich in einer No-Future-Haltung zu verlieren. Sonic Youth haben gewissermaßen alles überdauert, zumindest in ihren Fragmenten: Kim Gordon brachte letzte Woche mit „No Home Record“ gerade ein Solo-Album heraus, das durchaus eine Kardinaltugend von Sonic Youth hochhält: die Experimentierfreude. Und auch Thurston Moore, ehemals Sänger und Gitarrist der Band, außerdem Gordons Ex-Mann, ist aktuell wieder mit einem Solo-Album am Start, das bereits am 20. September erschienen ist. Rund 30 Jahre lang waren die beiden ein Paar und gingen auch musikalisch gemeinsame Wege - dann kam der Bruch.

Gordons Album knüpft einerseits an ihr frühes Schaffen an: zu den Zutaten gehören Drum Computer und Gitarre, dazu fragmentarische Texte, die eher auf Assoziationen setzen als eine Geschichte zu erzählen. Doch ihrem ersten wirklichen Solo-Album hat Gordon auch neue Zutaten hinzugefügt: So kratzig klang sie nie, so wütend selten. So viel Elektronik war auch selten. Das Label bezeichnet „No Home Record“ als eine „Expedition ins Unheimliche“. Angesichts der dunklen und von Brüchen durchzogenen Stücke und der fragmentarischen Texte, die eher Assoziationen auslösen als eine Geschichte zu erzählen, trifft es das ganz gut.

Genregrenzen interessieren nicht

Und letztlich ist es das, was Fans und Kritik schon immer an Gordon schätzen: Erwartungen und musikalische Genregrenzen haben sie noch nie interessiert. Während andere, vor allem männliche Vertreter des auch im 21. Jahrhundert noch männerdominierten Rock sich in Gordons Alter darauf beschränken, sich selbst zu kopieren und Touren mit den Gassenhauern früherer Zeiten zu bestreiten, zeigt „No Home Record“, dass Gordon auch mit 66 Jahren noch unverändert kreativ ist.

Schließlich war Gordon, deren Autobiografie den Titel „Girl in a Band“ trägt, schon immer eine Pionierin: warum sollte sich das im Alter ändern? „Gordons Musik hört man nicht, man erfährt und erlebt sie“, heißt es in einer Mitteilung zum Album. Man muss sich aber darauf einlassen: ein Album zum Mitsingen ist „No Home Record“ beim besten Willen nicht.