CLAUDE KARGER

Heute vor 73 Jahren stieß die Rote Armee in das erste Teillager des Konzentrationslagers Auschwitz in Polen vor. Den Soldaten bot sich ein Bild des Grauens: Hunderte ausgemergelte Gefangene und Leichenberge überall. In den darauf folgenden Tagen sollten die sowjetischen Soldaten das ganze Ausmaß der gewaltigen Tötungsmaschinerie entdecken, mit der die Nazis in knapp fünf Jahren schätzungsweise 1,1 Millionen Leben auslöschten. 2005 wurde der 27. Januar von den Vereinten Nationen zum internationalen Gedenktag an die Opfer des Holocaust erhoben, ein Mahnmal für die rund sechs Millionen Juden, die im Namen einer blutrünstigen Ideologie ermordet wurden und für die Überlebenden, die auf ewig gezeichnet sind von der Unmenschlichkeit, die sie erfahren mussten. Am heutigen Tag gedenken wir aller Menschen, die Opfer der Nazi-Barbarei wurden, nur weil sie eine Religion, eine sexuelle Orientierung, eine politische Ausrichtung oder eine Behinderung hatten, die nicht in das menschenverachtende nationalsozialistische Weltbild passten.

Und wir sollten darüber nachdenken, ob so etwas tatsächlich nicht mehr passieren kann. Ist das so sicher, trotz Menschenrechtscharten, vermeintlicher Demokratiestärkung und wachsendem Wohlstand? Auch nach 1945 kam es immer wieder zu Genoziden - in Bosnien, in Ruanda, im Darfur, um nur einige Brennpunkte zu nennen. Auch heute trachten Mitglieder von Gemeinschaften Mitglieder anderer Gemeinschaften nach dem Leben, nur weil sie anders denken oder an einen anderen Gott glauben. Dabei gibt es im digitalen Zeitalter so unvergleichlich viele Möglichkeiten, sich über die „Anderen“ zu informieren, sie zu verstehen und Kontakte mit ihnen aufzubauen, für ein friedliches Miteinander.

Es gibt auch massenweise Informationsmaterial über die Gräuel, zu denen Rassismus, Intoleranz und Hass geführt haben. Dennoch gibt es immer noch Holocaust-Leugner und ihre Verschwörungstheorien ins Netz ergießen. Es gibt Idioten, die auf jüdischen Friedhöfen wüten und Synagogen mit Hakenkreuzen beschmieren, ja jüdische Mitbürger in den „Social Media“ und sogar physisch bedrohen. Antisemtische Übergriffe in Europa nehmen zu - und das seit Jahren. Zahlen gibt es nicht, aber Luxemburg ist da sicher keine Ausnahme. Derweil wird rechtsextremes Gedankengut wieder „salonfähig“ und das bis in die höchsten Sphären der Politik. In manchen Ländern, Ungarn zum Beispiel, huldigt man wieder offen Erfüllungsgehilfen der Nazis. In Parlamenten und sogar Regierungen haben Parteien Einzug gehalten, deren auf das Flüchtlingselend aufgebaute Programme sich auf Hass und Abschottung reduzieren lassen und Nazi-Bewunderer in ihren Reihen zählen, die sogar öffentlich Vokabular aus dunkelsten Zeiten bemühen. Opfervereinigungen schlagen zurecht Alarm, der leider zu oft in unserer hektischen Zeit in der Gleichgültigkeit verhallt. Zum Glück aber wächst der Widerstand. Denn es geht hier um Alles! Um die Grundlagen unseres friedlichen Zusammenlebens. Was passiert, wenn diese zerstört werden, sollten wir uns nicht nur heute, sondern täglich vor Augen führen. Denn, „wer die Vergangenheit vergisst, den holt die Zukunft ein“, wie der Ehrenpräsident des „Comité International de Mauthausen“ kürzlich angesichts der Entwicklungen in Österreich mahnte.