LUXEMBURG
PAUL GALLES

Weihnachten steht vor der Tür. Welche Bedeutung hat es heute noch? Juckt es jeden? Und wie war das nochmal gleich mit der Botschaft? Paul Galles hat sich da so seine Gedanken gemacht.

„Eigentlich hat das Weihnachtsfest etwas Faszinierendes. Eine zentrale religiöse Botschaft – ,Gott wird Mensch‘ - umgibt sich mit vielen anderen schönen, menschlichen, emotionalen Messages. Zum Beispiel: das Fest der Liebe, das Wiedersehen der Familie, Musik, George Michael im Repeat-Modus, Kerzen, Freundschaft, Geschenke. Dieses Fest hat eine fantastische Power entwickelt. Wie?

Versuchen wir es mal so: Gott wird Mensch. Nein, besser: Gott wird Baby. Noch mehr: Gott wird ein heimatloses Baby, ein bedürftiges Baby. Ein Baby, das uns, Sie und mich, mit großen Augen anschaut. Gott macht sich total bedürftig, abhängig, verletzlich. Und schaut die Menschen mit großen Augen an. Wir dürfen darauf eingehen, müssen aber nicht. Keiner muss! Man darf.

Warum Weihnachten viele nicht juckt? Vielleicht, weil sie durch schlechte Erfahrungen Religion mit Müssen verbinden. Warum es trotzdem eine solch großartige Wirkung ausstrahlt? Wegen der großen Augen. Die großen Augen der Liebe, der Faszination, der Menschlichkeit. Es sind genau jene großen Augen, die Sie und ich machen, wenn uns ein Baby anschaut. Und anlächelt. Uns braucht. Wir knuddeln es, nehmen es auf den Arm, stupsen sein Näschen und…. schauen es an.

Weihnachten als das Fest der großen Augen. Wollen Sie eine kleine Große-Augen-Geschichte hören, die mir zu Weihnachten einfällt? Keine philosophische Reflexion, sondern mitten aus dem Leben.

Es gibt in Luxemburg einen Pfarrer, der jede Nacht eine Frau zu Besuch hat. Sie hat vier Beine, heißt Daisy und kann bellen. Sie ist die Hündin eines Obdachlosen. Er darf seine treue Lebensgefährtin nicht mit ins Nachtfoyer nehmen, deswegen suchte er nach einer Lösung. Der Pfarrer bot sich an. Und seitdem eröffnen sich ihm ganz neue Welten.

Er geht mit Daisy Gassi, nimmt sie mit in die Kirche, und die Hündin begrüßt die Personen, die zum Gespräch an der Tür klingeln. Daisy ist vor allem eines: treu. Und dankbar. Neugierig, interessiert, auch mal auf Schnüffeltour durch die ganze Kirche, aber meistens nahe am ,Herbergsvater‘ dran. Dann passiert es auch mal, dass Daisy während der Nacht an der Schlafzimmertür kratzt und in den Garten muss. Der genauso treue Pfarrer steht dann sofort auf und schließt die Gartentür auf.

Falls es donnert und blitzt, hat Daisy Angst. Dies kommt vor allem daher, dass sie durch einen Unfall ein Auge verloren hat. Aber clever ist sie. Einmal – so erzählte mir der Pfarrer mit glänzenden, großen Augen – hat sie ihn ausgetrickst. Als es draußen anfing zu donnern, war Daisy schneller als er und hatte es sich gemütlich gemacht auf dem Kissen des Pfarrers. Was nun? Autorität? Der Pfarrer versuchte es, Daisy stieg mehrmals aus dem Bett, doch die Angst trieb sie zurück. Denn wenn es donnert, braucht man Wärme. Im Endeffekt hatte Daisy gewonnen. Und der Pfarrer teilte sein Bett, und sein Kissen gehörte sogar ganz Daisy.

A true story. Eine von vielen Geschichten des Alltags. Gut, um große, faszinierte Augen zu machen. Kleine Geschichten, die man am Weihnachtstisch erzählen kann. Denn Weihnachten ist das Fest der großen Augen.

Deswegen wünsche ich Ihnen große Augen. Vielleicht auch für das kleine Baby in der Krippe mit seinen großen Augen. Frohe Weihnachten!“