LUXEMBURG
CLAUDE MULLER

Beste Auswahl Neuer Musik in der Philharmonie

Eine solche Vielfalt an musikalischen Ereignissen, wie sie die Organisatoren des großangelegten, immerhin an die 20 Events umfassende, Festivals „Rainy Days“ programmiert hatten, sucht in der Großregion seinesgleichen. Besonderes Fingerspitzengefühl bewiesen die Verantwortlichen ebenfalls bei der Auswahl der aktuellen Richtungen, die sowohl den Kenner der Szene, wie den Musikliebhaber, der einfach nur offen ist für neue Töne, auf seine Kosten kommen liess. Dies bewies unweigerlich der Bestand des Publikumsandrangs, der weit über den Erwartungen lag und wobei von ausverkauften Vorstellungen bis zu zum Hinzufügen von bis zu 20 Stühlen pro Konzert die Rede war. Bei dem legendären Stummfilmklassiker „Paris, qui dort“ von René Clair aus dem Jahre 1925, der mit der gekonnt abstrakt eingesetzten Musik von Yan Marasz auf emotional bewegende Art untermalt wurde, waren etwa 700 Interessenten erschienen, das eher populäre Event mit der Avant Gardeband „Einstürzende Neubauten“ meldete „complet“, am Freitag war der Kammermusiksaal quasi ausverkauft, nur am Samstag bei einem der Höhepunkte des Festivals mit dem „OPL“ war das große Auditorium leider nur spärlich, dafür aber von restlos begeisterten Anhängern der neuen sinfonischen Musik, besetzt.

Musik der Extraklasse

Mit dem experimentierfreudigen, leidenschaftlich spielenden „Quator Diotima“ konnten wir bereits am Freitag einer wunderbaren Entdeckungsreise in das Reich der zeitgenössischen Tonverflechtungen beiwohnen. Die Kombination von 2 Violinen, Bratsche und Cello sorgt von Haydn über Beethoven, Bartok bis zur Gegenwart examplarisch dafür, den Spiegel oder das Resümee der jeweiligen Entwicklungsphase der konzertanten sinfonischen Musik stilweisend wiederzugeben. So waren in den aktuellen hochsensiblen Kompositionen von Rebecca Saunders und Sivan Eldar das Schlagen der Bogensehne auf die Saiten, das Klopfen und Streichen auf dem Korpus oder Klangverfärbungen hinter dem Steg teilweise wichtige Bestandteile ihrer Schöpfungen. Besonders bei „Unbreathed“ von Saunders konnte man den transparenten, intimen Charakter einer Oase der Stille bis zu explosionsartigen Impulsen einer eindrucksvollen Klanglichkeit intensiv verfolgen. Das wunderbare „String Quartet No 1“ der Deutschamerikanerin Ursula Mamlok stimmte zu Anfang der lehrreichen Soiree „Un monde en soi“ mit der eher strukturellen Formgestaltung als Stimmungsbarometer der frühen Jahre der Avant Garde ein.

Ganz anders präsentierte sich die Architektur der Musik für Streichquartett „Gran Torso“ von Helmut Lachenmann. Hier dominierten hauptsächlich intime Geräuschfarben, die durch ihre bizarre Konstruktion der musikalischen Substanz des Werks in knappen Formen eine stimmungsverdichtende Substanz verleihen konnten.

Auch das großangelegte Samstagabendkonzert unter dem Motto „Figures radicales“ mit dem OPL unter Leitung von Baldur Brönnimann war im Bereich des musikalischen Surrealismus einzustufen. Beeindruckend in Form, Klangfarben und Ausführung überraschte vor allem die europäische Erstaufführung der „Hétéromorphie pour orchestre“ der kanadischen Komponistin Micheline Coulombe Saint-Marcoux aus dem Jahre 1970.

OPL mit Meisterleistung

Anschließend fand, nach einer kurzen Talkrunde mit dem Dirigenten und der Komponistin Francesca Verunelli, die Uraufführung derer Auftragskomposition „Tune And Returns“, einem aufwendigen, trotz vieler intensiver, perkussorischer Höhepunkte, etwas langatmigen Werk, statt.

Ein Leckerbissen der Extraklasse bescherte uns das OPL zusammen mit dem außergewöhnlichen, achtköpfigen gemischten Chor „Synergy Vocals“ mit „Sinfonia For Eight Voices And Orchestra“, einem Klassiker der Moderne von Luciano Berio. Das 1968 in New York uraufgeführte Werk, das also immerhin schon seit 50 Jahren einen festen Platz in der Anthologie der zeitgenössischen Musik hat, erlebte seine erste Aufführung in Luxemburg. Hier sorgte besonders die ausgefeilte Collagentechnik im 3. Satz für packende Momente in dem spieldankbaren Stück. Eine großartige Leistung des „OPL“, das dieses schwierige, anspruchsvolle, abendfüllende Unterfangen mit einer Welturaufführung, einer europäischen und einer luxemburger Premiere mit äußerster Konzentration sowie ausgeprägtem Sinn und Feeling stilvoll und meisterhaft in Szene setzte.

Eine vielbeachtete Idee war es am gestrigen Abschlusstag der Erfolgsserie mit der „Wunderkammer“, ein Mosaik quer durch den Garten der neuen Musik anzubieten, wo neben Schnupperkursen für Einsteiger die Resultate der Kompositionsworkshops auf dem Programm standen, sowie die grosse Abschlussparty, den „Grand Bal Contemporain“ mit neu arrangierter, luxemburger Tanzmusik und Zwiebelsuppe im Grand Théâtre steigen zu lassen. Ad multus annos.