LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Warum Ablenkung wichtig, aber auch tückisch ist

Wer Sorgen hat und sich nicht gut fühlt, dem wird Ablenkung empfohlen. Doch zum einen können negative Gedanken trotz aller Bemühungen nicht immer aus dem Kopf verscheucht werden. Sie drängen sich, bei unserem krampfhaften Versuch, sie zu unterdrücken, oft noch stärker in den Vordergrund. Zum anderen ist Ablenkung mit Vorsicht zu genießen, denn sie hat durchaus ihre dunklen Seiten…

Ablenkung: eine degradierte Tätigkeit

Ob Ablenkung gelingt und wie gut sie uns tut, hängt an erster Stelle daran, welches Mittel wir dafür wählen. Zumeist denken wir dabei an eine Tätigkeit. Nun besteht aber durchaus das Risiko, den Willen zur Ablenkung mit der Betäubung eines Schmerzes zu verwechseln. Dann widmen wir uns nicht etwa einer Beschäftigung, sondern ertränken den Kummer im den Vorräten des eigenen Weinkellers. Dass eine solche Art der Ablenkung wenig wohltuend ist, versteht sich von selbst.

Doch ebenso wenig ist jede Beschäftigung zur Ablenkung geeignet. Entscheidend ist, wieviel Konzentration sie uns abverlangt, wie tief sie uns erfüllt. Sich vor den Fernseher zu hocken, sprich kurzzeitige Entspannung durch absolutes Vermeiden jeglicher kognitiven Leistung, ist weniger sinnvoll als eine Tätigkeit, der wir uns intensiv widmen und die irgendeine Form des sichtbaren Ergebnisses bringt, das wir mit Stolz vorweisen können.

Aber selbst eine Beschäftigung, die uns etwas abverlangt und Freude bereitet, bleibt, wenn sie als Mittel zur Ablenkung betrachtet wird, eine degradierte Tätigkeit. Denn es gibt ja stets etwas, das uns wichtiger ist. Nämlich das, wovon wir uns ablenken.

Sinnloser Zeitvertreib vs. zwanghafte Leidenschaft

Das Womit kann per definitionem nie etwas sein, was wir um seiner selbst willen tun. Einer Sache nachzugehen aber, die auf unserer Prioritätenliste nicht an erster Stelle steht, macht auf Dauer unglücklich. Es gibt uns das Gefühl, unsere Zeit zu verschwenden, unsere wahren Ambitionen aus dem Blick zu verlieren und auf der Stelle zu treten. Stattdessen widmen wir uns Tätigkeiten, die wir glauben zu brauchen, die uns jedoch ein sinnloser Zeitvertreib sind. Diese sollten wir also, sobald wir die Ablenkung nicht mehr benötigen, fallenlassen.

Andere Tätigkeiten erfüllen uns womöglich mehr, als wir zunächst gedacht hätten. Dann müssen wir, um sie wirklich schätzen zu können und ihr auf intensivere Weise nachgehen zu können, den Blick auf sie verändern. Wir dürfen sie dann eben nicht länger als Ablenkungsmittel betrachten, sondern müssen sie als etwas Größeres ansehen.

Dieser Schritt ist schwer. Denn groß ist das Risiko, uns in dem neugewonnenen Steckenpferd zu verlieren. Uns sosehr darin zu vertiefen, dass sich ein Zwang oder gar eine Sucht daraus entwickelt. Die Leidenschaft für ein Hobby kann schnell zum Wahnsinn ausarten. Das würde wieder neue Sorgen heraufbeschwören und womit sollten wir uns diesmal ablenken, wenn gerade das, was sich als bestes Ablenkungsmittel bewährt hat, vermieden werden muss?

Stachel ohne Verfallsdatum

Am sichersten ist es wohl, bei der Ablenkung auf mehr als eine Sache zu setzen. Auch sollte, wer sich ablenkt, bedenken, dass er Momente einräumen muss für die Konfrontation mit seinen verdrängten Problemen. Wer diese Momente zu sehr vertagt, muss feststellen, dass der Schmerz sich mit der Zeit nur noch tiefer in uns versenkt und es umso schmerzhafter wird, sich mit ihm auseinanderzusetzen.

Zudem brodeln die Dinge, mit denen wir uns nicht bewusst beschäftigen wollen, stets in unserem Inneren weiter und werden zu einem Kampf, der in unserem Unterbewusstsein ohne unsere Kontrolle ausgetragen wird. Diesen Kampf verarbeiten wir dann unfreiwillig in schlaflosen Nächten oder Träumen, wir verlagern ihn von Kopf und Herzen in den Bauch oder sonst irgendwo hin in den Körper, wo er uns krankmacht. Darauf zu hoffen, dass der Schmerz von allein verschwindet, wenn wir uns nur lang genug davon ablenken, bleibt dabei ein vergebliches Unterfangen. Sorgen haben kein Verfallsdatum und lösen sich dann in Luft auf. Sie sind wie ein Stachel, der solange in der Haut stecken bleibt, bis wir ihn selbst herausziehen.

Imaginierte Schreckensszenarien

Trotz aller Risiken und Nebenwirkungen kann Ablenkung befreiend und hilfreich sein. Denn der Flucht vor den eigenen Problemen steht ein anderes Extrem gegenüber: der Hang, sich in die Sorgen vollkommen hineinzusteigern. Ablenkung bewahrt uns davor, das Gehirn zu einem Frankenstein’schen Labor werden zu lassen, in dem eine ganze Armee an Nachwuchssorgen mit Vampirzähnen und Teufelsklauen gezüchtet wird, in dem die Wahrheit zur Fratzengestalt verzerrt und geliebte Menschen zum Jigsaw-Killer gemacht werden. Wir drohen, in die Löcher zu fallen, die wir uns mit unseren dunklen Gedanken selber graben, uns Vergangenheit wie Zukunft zu einem dystopischen Graus zu zerdenken, bis nichts mehr ist, wie es vorher war. Die (Selbst)Zerstörungswut ist um keinen Preis der Ablenkung vorzuziehen und nach jeder Konfrontation mit einem Problem muss die Handbremse gezogen werden, damit sie sich nicht auf die geschilderte Weise verselbstständigt…

Es ist also durchaus so, dass wir Ablenkung brauchen. Nur ist darauf zu achten, dass wir die geeigneten Tätigkeiten finden, sie nicht den Großteil unserer Zeit einnimmt und wir unsere Ambitionen im Blick behalten. So können wir das nagende Karussell der Gedanken ein wenig verlangsamen, bis wir bereit sind, wieder aufzusteigen.