KÖLN
RICARDA DIECKMANN (DPA)

Wie man Kinder für Bücher begeistert

Wenn die Seiten rascheln und das Kinderzimmer zum Schauplatz für Geschichten wird, ist Vorlesezeit. Zusammen Bücher zu schmökern - das sorgt für Gemütlichkeit und Geborgenheit. „Kein Wunder, schließlich haben wir Menschen schon vor langer Zeit am Lagerfeuer gesessen und uns Geschichten erzählt“, findet die Autorin Gerlis Zillgens aus Köln, die regelmäßig Lesungen veranstaltet.

„Vorlesen ist eine moderne Form davon.“ Noch dazu eine, die bei der frühkindlichen Entwicklung eine wichtige Rolle spielt. „Durch den frühen Kontakt mit Büchern entwickeln Kinder einen besseren Zugang zu Sprache, ihr Wortschatz vergrößert sich und sie bekommen ein besseres Gefühl für Satz- und Textstrukturen“, erklärt Daniel Schnock von der Stiftung Lesen. Dazu kommt: Wer schon früh in Geschichten eintaucht, übt sich in Fantasie und Empathie.

Ein „zu früh“ beim Vorlesen gibt es nicht

Ein „zu früh“ gibt es dabei kaum. „Viele Eltern beginnen mit dem Vorlesen erst, wenn ihr Kind zwei oder drei Jahre alt ist“, beobachtet Schnock. Dabei können Bücher bereits im ersten Lebensjahr zum Einsatz kommen. „Logisch, dass man nicht sofort mit der Unendlichen Geschichte von Michael Ende beginnt. Aber Bücher mit vielen Bildern und nur wenig Text funktionieren in dem Alter schon ganz gut“, sagt Schnock.

Vorteil des frühen Lesestarts: Für die Kleinen werden Bücher rasch ein normaler Teil des Alltags. Für eine gute Vorlesesituation braucht es nicht viel. „Vorlesen geht überall“, weiß Schauspieler und Kinderbuchautor Christian Berg. Nicht nur im Bett oder auf dem Sofa entfalten sich packende Geschichten, sondern auch im Zug, im Park oder im Wartezimmer. „Zu oft fällt das Vorlesen unter den Tisch, weil die Eltern meinen, dafür keine Zeit zu haben“, bedauert Berg. „Diese Ausrede gilt nicht. Für das Vorlesen muss man sich Zeit nehmen.“ Damit das gelingt, hilft ein Ritual. So können Eltern einen festen Termin fürs Lesen festlegen - etwa vor dem Abendessen oder, wenn das Kind bettfertig ist.

Eltern müssen keine perfekten Vorleser sein

„Generell gilt: Eltern müssen beim Vorlesen nicht perfekt sein“, sagt Christian Berg. Dieser Gedanke hilft dabei, die „Vorlesen - das kann ich nicht“-Blockade im Kopf abzubauen, die viele mit sich herumtragen. Fakt ist: Für die Kleinen ist es großartig genug, mit Mama oder Papa und einer spannenden Geschichte Zeit zu verbringen. Und: In Kinderköpfen steckt so viel Fantasie, dass sie auch ohne große Hilfestellungen schnell in die Geschichte eintauchen. „Wichtig ist es, sich zu trauen - und einfach anzufangen“, rät Zillgens. Doch wie kommt überhaupt Leben in die Geschichte?

Schon kleine Kniffe können das Kopfkino anschubsen. „Es gibt so viele Möglichkeiten. Eltern sollten sich einfach für die Optionen entscheiden, die ihnen selbst Spaß machen“, sagt Zillgens. Eine Pause an einer Stelle, die besonders spannend ist, bringt die Atmosphäre zum Knistern. Besonders lustige Szenen können Eltern durchaus mehrfach vorlesen. Steht im Buch etwa ein Fuchs im Mittelpunkt, kann es sinnvoll sein, das passende Kuscheltier oder die passende Spielfigur bereitzulegen.

Die böse Hexe zischt, der dicke Bär brummt

Um ein Gefühl für die Möglichkeiten zu bekommen, rät Zillgens, das Buch bereits vor dem Vorlesen durchzublättern. Der Klassiker ist und bleibt das Spiel mit der Stimme: Die böse Hexe zischt, der dicke Bär brummt. Bei Bilderbüchern mit viel Dialog bietet es sich an, die Rollen zu verteilen. „Es kann für das Kind sehr spaßig sein, wenn Mama die männliche Rolle liest und Papa die weibliche“, sagt Berg. Ist das Kind schon im Grundschulalter, kann es selbst eine Figur übernehmen.

Kleinere Kinder können bei Geräuschen einbezogen werden - und zum Beispiel ein Türklopfen oder ein Froschkonzert simulieren. Auch Requisiten helfen dabei, die Lesestunde noch aufregender zu machen. Eine Taschenlampe ist in fast jedem Haushalt vorhanden und eignet sich für Schattenspiele oder Entdeckertouren. Ein Topf funktioniert hervorragend als Trommel, ein Glas klingt fast wie eine Glocke - und eine Socke wird im Handumdrehen zur Handpuppe.

Beim Vorlesen können Eltern ihre eigene Kreativität ausleben. „Eine perfekte Gelegenheit, um selbst mal wieder kurz Kind zu sein“, fasst Zillgens zusammen. Sinnvoll ist auch, das Kind mit einzubeziehen. „Vorlesen sollte nicht lehrerhaft sein, sondern auf Augenhöhe stattfinden“, sagt Berg. Je nach Alter kann man die Geschichte gemeinsam weiterspinnen oder sich darüber austauschen, ob man an der Stelle der Hauptfigur genauso gehandelt hätte.

Kind sollte bei der Bücherauswahl mitentscheiden

Eltern können ihr Kind aber auch ehrlich fragen, ob ihm das Buch überhaupt gefallen hat. Denn: Manchmal landen auch Bücher auf dem Lesestapel, die Kinder zu langweilig oder zu unheimlich finden. „Das ist eine ganz normale Erfahrung, die für die Kinder wichtig ist“, so Berg. Durch die Auseinandersetzung mit Büchern lernen die Kinder, was sie interessiert und was ihnen gefällt.

Ohnehin bietet es sich an, das Kind bei der Auswahl der Bücher mitentscheiden zu lassen. Denn: Auch die Kleinen haben schon ihre Interessen - und wenn es nur die kurze, aber intensive Dinosaurier- oder Bagger-Phase ist.