COLETTE MART

Noch ist politische Sommerpause, noch können uns die Ferien für einige Momente davon ablenken, was in der Welt passiert, und auf welch dünnem Eis wir uns international politisch bewegen. Die großen Herausforderungen unserer Zeit, und zwar die Flüchtlingskrise und der Terrorismus, sind keineswegs bewältigt.

Vielmehr sind die Flüchtlinge in den Mittelmeerländern an einigen Orten zum Alltagsbild geworden; in Rom schlafen sie nachts zu Hunderten in den Straßen, und wie das „Luxemburger Wort“ am Samstag berichtete, sind horrende Summen an Hilfsgeldern für die Flüchtlinge in die Hände der Mafia geflossen, während die Flüchtlinge selbst einem Überlebenskampf ausgeliefert sind, der furchtbare Facetten annimmt.

Die Präsenz von Millionen wehrloser und verarmter Menschen in Europa und in Afrika schürte neue Formen organisierter Kriminalität und Ausbeutung. Die Stadt Agadez im Niger, die einst als Weltkulturerbe Touristen anzog, wurde zu einem Umschlagplatz für Migranten aus Westafrika, die Opfer von Schmugglern und Menschenhändlern werden. („Die Zeit“) Oft kratzt eine afrikanische Familie, oder sogar ein Dorf, ihr ganzes Geld zusammen, um einen jungen Mann nach Europa zu schicken in der Hoffnung, dass er für alle etwas Geld verdient und in die Heimat schickt. Auf dem grauenvollen Weg über Agadez und Libyen nach Europa sind westafrikanische Flüchtlinge dem Diebstahl, der Gewalt, dem Verrat und der Folter ausgesetzt; der Menschenhandel blüht, auch mit Frauen, die oft in Libyen in der Zwangsprostitution landen. Jene, die bis nach Europa kommen und die gefährliche Bootsfahrt übers Mittelmeer überleben, können sich ebenfalls an einem deutschen Bahnhof in der Prostitution wiederfinden. So berichtete die „Frankfurter Allgemeine“ von einem siebzehnjährigen Mädchen aus Gambia, das durch die Wüste flüchtete, weil es zum zweiten Mal beschnitten und zwangsverheiratet werden sollte. Sie geriet in die Hände von Menschenhändlern.

Es wird vermutet, dass allein in Deutschland etwa 6.000 jugendliche Flüchtlinge verschwunden sind, und es wird befürchtet, dass viele von ihnen in der Zwangsprostitution landeten. Die Ausbeutung von Flüchtlingen ohne Papiere auf den Orangenplantagen in Südeuropa, die in der Ausstellung „Bitter Oranges“ und in dem erschütternden Film „Mediterranea“ von Jonas Carpignano dokumentiert wird, sollte uns daran erinnern, dass im kommenden politischen Herbst gravierende europäische Probleme angegangen werden müssen. Die Mittelmeerländer brauchen Hilfe in der Bewältigung der Flüchtlingsströme, Menschenrechtsorganisationen müssen sich um traumatisierte Menschen kümmern.

Die nigrische Stadt Agedez war einst eine Touristenattraktion, und jetzt ist der Menschenhandel zum wichtigsten Wirtschaftszweig der Stadt geworden. Dort, wo an Flüchtlingen verdient wird, ist es schwer, die Kooperation von Behörden zu erreichen, die Flüchtlingsströme besser unter Kontrolle zu bekommen. Die Herausforderung schlechthin bleibt die Bekämpfung der Armut in Afrika, sowie eine bessere Information der Menschen darüber, dass der Weg nach Europa in eine brutale Ausbeutung oder auch in den Tod führen kann.