LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Geistreiche Kunst und Humanität

Manche unter Ihnen werden diese leidige Erfahrung bereits durchlebt haben: Der dicke Schmöker, das anfangs so interessant scheinende Buch,... es ist, als würde es einfach nicht gelesen werden wollen. Beim Lesen fällt es Ihnen schwer, nicht in Gedanken abzuschweifen und Seite für Seite am Ball zu bleiben. Sie wollen es ja lesen, sonst hätten Sie gar nicht angefangen und zwingen sich durch die Zeilen voran. Doch wie das Schicksal es wohl so wollte, geben Sie sich nach einigen (hundert?) Seiten geschlagen und legen das Buch zur Seite. Dass es aber auch ganz anders geht, erleben wir gottseidank auch: Wir saugen das Geschriebene förmlich auf, die Seiten fliegen nur so dahin, wir vergessen Raum und Zeit um uns herum und gehen vollends in der Geschichte auf. In Bälde schließen wir missmutig den ausgelesenen Band und bedauern, dass der Alltag uns nun wieder hat. Doch woran liegt das? Was macht ein gutes Buch aus? Wodurch werden wir in seinen magischen Bann gezogen? Für den deutschen Philosophen und Idealisten Johann Gottlieb Fichte (1762–1814) liegt das am Unterschied zwischen „Geist und Buchstab“, wie er 1794 schreibt. Ein Werk kann von einer noch so handwerklichen Raffinesse sein und die Leser doch nicht bei Laune halten, weil in ihm die ‚mechanische Kunst‘ herrscht, und nicht der Geist des Künstlers, der doch so be-geist-ernd ist! Ein uns fesselndes Werk kann dies nur tun, weil das, was in allen Menschen für deren Kreativität, Selbsttätigkeit und Freiheit verantwortlich ist, der Geist, sich angesprochen fühlt. Der Geist ist für Fichte die treibende Kraft, aus der verschiedene Grundtriebe hervorgehen, die allesamt eigene Absichten erfüllen: Wissen, praktisches Erschaffen und bloßes Vorstellen. Diese Kraft ist in uns allen nun das, was uns als aktive Wesen auszeichnet, die nicht bloß passiv vegetieren oder tierischen Trieben unterliegen. Das ‚gute‘ Werk selbst ist es nun, welches diese Kraft in uns hervorruft, es lädt uns ein, und mit ihm zu beschäftigen und appelliert an unseren Geist, selbst wieder tätig zu werden. Doch wie ist dies möglich? Wie entsteht ein Produkt mit Geist? Geistreiche Kunst? Geschaffen von einem mir Fremden, der mein Innerstes ansprechen soll, sodass „mein Herz zur gewissen Beute“ wird?

Es ist der Künstler, der in sich die Geisteskraft entdeckt und diese in seinem Kunstwerk zum Ausdruck bringen will. In dem Moment der wahren künstlerischen Erschaffung vergisst er seine Individualität, sein Ego, sich selbst, und lässt diejenige Kraft sprechen, die uns allen gemein ist: der Geist. Der Künstler ist begeistert von diesem Universalsinn und will uns alle Anteil an diesem Gefühl haben lassen. Er will die Anderen an seiner Erfahrung teilhaben lassen und ihnen helfen, ihren Horizont ebenso zu öffnen. Die Individualkunst taucht demnach in die Sphäre der Humanität ein. So ist es möglich, dass sich Menschen mit ganz unterschiedlichen Charakteren von einem geistreichen Werk angesprochen fühlen und auch sie sich in der Kontemplation des Werkes nahezu verlieren und vergessen, sich von individuellen Unterschieden lösen und sich gleichsam vom Schönen, Geistreichen hinwegtragen lassen. Wohin? Sie kehren in sich selbst ein und werden dennoch unabhängig von dem ihnen eigenen Sinn. So öffnet sich unser Geist durch die Kunst und wir empfinden Gefallen an der Übereinstimmung von unserem Geist mit dem des Künstlers.

Wenn ich über die Ausführungen Fichtes nachdenke, sehe ich den verzückten Künstler vor mir, der wie in Ekstase seinen Pinsel schwingt oder Seiten seines Manuskripts füllt. Er strebt danach, eben dieses Gefühl zu fassen und durch die Materie für seine Mitmenschen greifbar werden zu lassen und eben dieses Gefühl wieder in uns aufleben zu lassen. Vielleicht empfinden wir genauso wie Da Vinci, als er das Lächeln der Mona Lisa zum ersten Mal sah, wenn wir sein Werk bestaunen. Oder wir verspüren das gleiche imposante Gefühl, wenn wir Orffs Carmina Burana hören, das der Virtuose selbst beim Komponieren seines Meisterwerks in seiner Brust vernahm. Laut Fichte ist es die Aufgabe des Künstlers, das, was „aller Augen verborgen“ und „in der menschlichen Seele“ liegt, anzusprechen und anzuzeigen. So muss er selbst herausfinden, von welchen persönlichen und privaten Begierden und Beschränkungen er sich lösen muss, um den ‚Vereinigungspunkt‘ zu allen Menschen zu finden. Das heißt, dass persönliche Interessen und Geschmäcker, die kulturelle und individuelle Gräben schüren, vom wahren Kunstwerk überwunden werden müssen. Der geistige Trieb ist das Prinzip der Selbsttätigkeit in uns, durch den wir zu demjenigen werden, der wir sind und unser Leben bestimmen. Wird der Künstler allerdings ästhetisch schaffend, kann er selbst nicht erklären, was gerade vor sich geht. Die Sängerin lässt ihre innere Kraft durch ihren Gesang ertönen, ohne dass sie unmittelbar weiß, welcher Zusammenhang nun genau diese Tonfolge bestimmt. Fichte unterscheidet deutlich von der mechanischen und der wahrhaft kreativen Kunst. So kann man genau erlernen, wie man zu singen oder zu malen hat, damit es gut aussieht. Aber dennoch kann das ‚gewisse Etwas‘ fehlen, wenn der Schaffende nicht mit Hingebung uns alle Teil an der Erfahrung seines selbsttätigen Geistes haben lassen kann. Erst dann kann das Werk unser „ganzes Wesen ausfüllen“, ohne dass wir mit Regeln bestimmen können, weshalb dies so ist. Wird unser Geist durch die Kunst frei, erfahren wir eine „Liberalität unserer Gesinnung“, und betreten „die erste Stufe der Humanität“. Ein schöner Gedanke, nicht wahr? Durch die ästhetische Betrachtung können wir uns nicht nur von unseren eigenen Fesseln lösen, wie etwa von Angst, Stress, negativen Gedanken, sondern uns auch in einem Gefühl der Gemeinsamkeit wiederfinden. Die Überwindung von Trennung, das Fördern unserer „Würde und Freiheit“, wie Fichte schreibt, rücken näher – und 224 Jahre später wird dies von bitterster Notwendigkeit gezeichnet sein.