LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Muss ästhetisch schön sein?

Das Hässliche gehört zur Ästhetik wie das Böse zur Ethik, wie die Krankheit zur Biologie, das Unrecht zur Rechtswissenschaft und der Begriff der Sünde zur Theologie. Es verhält sich als Verkehrung und Negation der positiven ästhetischen Kategorie: des Schönen.

Die heutige Kolumne fragt nach der eigentlichen Natur des Hässlichen; Kann es überhaupt unabhängig vom Schönen bestehen? Gehört das Hässliche zur Kunst? Und warum empfinden wir auch am Hässlichen Wohlgefallen?

Zunächst einmal scheint es verquer, das Hässliche unter den Genus des Ästhetischen zu fassen. Ästhetisch meint doch eher ansprechend, schön, wohltuend? Nun, nicht ganz. Vom griechischen „aísthesis“ abgeleitet, weist es auf die sinnliche Wahrnehmung des Subjekts hin, auf seine Empfindung und sein Gefühl. Illustrierend dazu dient die Gegenüberstellung mit dem Antonym: der Logik, zu der das Denken und Vernunftschlüsse gehören. Gehen wir dieser Spur nach, gehört das Hässliche ebenso zur Ästhetik wie das Schöne, nur der konventionelle Gebrauch des Konzepts hat seine Bedeutung verengt. Aber ist das Hässliche eine äquivalente ästhetische Kategorie wie das Schöne?

Es gibt nicht viele Philosophen, die sich eingehender mit dem Hässlichen beschäftigt haben. Einer von ihnen ist der deutsche Philosoph Rosenkranz (1805-1879). Seine These lautete, dass es das Hässliche nur in Relation zum Schönen geben kann. Um demnach herausfinden zu können, mit was wir es beim Hässlichen zu tun haben, gilt es zunächst, die Bedingungen des Schönen darzulegen und diese in ihr Gegenteil zu verkehren. Das, was schön ist, muss uns sinnlich wahrzunehmen sein und in uns ein Gefühl des Wohlgefallens auslösen. Das, was ästhetisch gefällt, ist die Repräsentation eines einheitlichen, harmonischen Ganzen. Die Gestalt des Schönen lädt zur Kontemplation ein, sie wirkt ausgleichend und innerlich befriedend. „Verirrt“ sich die Einigung von Eindrücken, wie Rosenkranz es erklärt, entsteht das Hässliche, oftmals nur „einem geringen Zuviel oder Zuwenig“ geschuldet. Gemeint sind primär drei Merkmale: Die Amorphie (Gestaltlosigkeit), die Asymmetrie (Ungestalt) und die Disharmonie (Misseinheit). Jedes dieser Merkmale weist auf Mangel an Form und Einheit hin, beschreibt das Ausufernde oder das der Regel Abweichende.

Das Hässliche hängt aber, gleichwie das Schöne, nicht der Unvollkommenheit oder Vollkommenheit an. Illustrierend gibt Rosenkranz das Beispiel der Blüte und Frucht. Die Frucht als Normalexistenz der Pflanze hat im botanischen Sinn einen höheren Wert als das Blatt oder die Blüte. Ästhetisch gesehen wird die unvollkommene Blüte jedoch höher stehen als die vollkommene Frucht. Vom Zweck eines Gegenstandes ist das Ästhetische demnach unabhängig, sodass Schönheit oder Hässlichkeit nicht mit diesem in Verbindung steht.

Es sind demnach die drei zuvor dargelegten Merkmale, welche die Existenz des Hässlichen klären: „In der Natur ist all das häßlich, was seine natürliche Form verfehlt“. Das Hässliche in der Natur ist ihrer organischen Entwicklung als eigenem Werdeprozess geschuldet. Dieser lässt Raum für Zufälligkeit und somit für Verfehlung der einheitlichen Form: Verwachsungen und Wucherungen bedingen Unform und stören die harmonische Gestalt. In der Natur hat die Menschenhand hierauf wenig Einfluss, in der Kunst verhält sich dies jedoch anders.

Gehört das Hässliche überhaupt zur Kunst? Der Künstler versucht seiner geistigen Idee empirischen Ausdruck zu verschaffen, eine eigene Welt für diese zu finden. Aber muss er das nicht auf möglichst schöne Weise? Wie kann es sein, dass dann dennoch das Hässliche in der Kunst anzutreffen ist? Die Wirrung lässt sich lösen, wenn nicht das Hervorbringen des Schönen als Aufgabe des Künstlers gewertet wird, sondern der Ausdruck der Idee. In dem Sinne ist das Hässliche nicht wegen des Schönen da, sondern als Teil der Totalität der Idee. Diese ist immer ein Absolutes, ohne eine konkrete sinnliche Gestalt. ‚Liebe‘, ‚Freiheit‘, und ähnliche abstrakte Ideen können mit unzähligen Bildern illustriert werden, den ideellen Gegenstand ‚Liebe‘ wird man aber nicht in der Natur antreffen können, es bleibt ein Gedanke. „Es gehört zum Wesen der Idee, die Existenz ihrer Erscheinung freizulassen und damit die Möglichkeit des Negativen zu setzen“, schreibt Rosenkranz dazu. In ihrer Einheit umfasst sie somit auch die Zufälligkeit ihrer Erscheinung, will sagen, ein abstraktes Konzept kann auf mannigfaltige Weise versinnbildlicht werden: die Sense als Zeichen für den Tod, die Taube als Zeichen für Frieden. Sowie ihr positiver, einheitlicher Ausdruck zu ihr gehört, ist eben auch das Negative, das Unförmige, ein Teil von ihr. So kommt es, dass auch das Hässliche in der Kunst vorzufinden ist.

Nun bedeutet dies aber nicht, dass wir das Hässliche stets abstoßend finden. Man kann manchmal einen gewissen Reiz am Hässlichen verspüren, ja, gar ein Wohlgefallen, das vom Interesse an diesem Eindruck herrührt. Dieses Paradox ist mit Rosenkranz zu lösen: Das Hässliche ist das perversierte Schöne, es reflektiert stets nur auf das, was für uns schön ist. Was durch das Hässliche hindurch scheint, ist die Macht des Schönen. Der Reiz des Hässlichen besteht in der Möglichkeit, die Unform dennoch unter das Gesetz der harmonischen Einheit zu bringen: Kann es vom „störsamen Zufall“ gereinigt werden? Die Anziehung des Hässlichen birgt demnach den Drang nach Interesse und Harmonie des Menschen in sich, sie fordert den Betrachter auf, das „Mehr“ zu sehen, das beim schnellen Überblick vielleicht verdeckt bleiben würde. Mut zur Hässlichkeit appelliert demnach an eine kognitive Auseinandersetzung mit den Wahrnehmungen: Es liegt überall viel Wunderbares verborgen!