LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Wie Inna Modja ein Stück ihres Körpers zurückholte und halb Frankreich zum Singen brachte

Im Sommer 2011 sang und summte es an vielen Ecken Frankreichs „Coco choco chanel coco chanel chocolat“ durch die Straßen. Der eingängige Refrain des Songs „French Cancan“ stammte vom zweiten Album der malischen Musikerin Inna Modja. Die 32-Jährige singt, modelt und tourt nicht nur, sie setzt sich auch gegen weibliche Genitalbeschneidung in ihrer Heimat ein. Als Gast der „Fondation Follereau“ tritt sie heute in Luxemburg auf.

Was haben Sie für das Konzert in Luxemburg geplant?

Inna Modja Es ist das erste Mal, dass ich in Luxemburg ein Konzert gebe. Ich liebe es, Konzerte zu geben, aber dieses Mal ist es noch einmal ein ganz besonderer Anlass, der mir sehr am Herzen liegt.

Das Konzert wird von der „Fondation Follereau“ organisiert und der Gewinn geht an Projekte der Stiftung gegen weibliche Genitalbeschneidung. Einer Prozedur, der Sie als Kind auch unterzogen wurden?

Inna Ja, ich war nicht einmal fünf und es wurde gegen die Einwilligung meiner Eltern durchgeführt, meine Eltern sind dagegen. Ich war mit meiner Familie in Mali in den Ferien, und als meine Mutter unterwegs war, hat die Schwester meiner Großmutter die Beschneidung bei mir durchführen lassen. Es war sehr schwer. Mit 18 wurde ich dann Aktivistin und engagiere mich nun seit zwölf Jahren.

Gibt es Erfolge zu verzeichnen?

Inna Glücklicherweise bin ich nicht allein, es gibt viele verschiedene Vereine und Programme, aber weibliche Genitalbeschneidung wird nicht nur in Afrika, auch in Amerika, Asien und sogar Europa durchgeführt. Es engagieren sich aber sehr viele Leute und das Umdenken setzt langsam ein.

Sie haben eine Rekonstruktion durchführen lassen. Wie kam es dazu?

Inna Ich wusste erst gar nicht, dass es diesen Eingriff überhaupt gibt. Eine Gynäkologin in Frankreich hatte mir gesagt, dass ich immer so bleiben würde. Aber dann fand ich zufällig einen Artikel, ich glaube, es war in „Elle“, der über die Rekonstruktion berichtete. Es gibt sehr viele Frauen, die nicht wissen, dass es diese Möglichkeit gibt. Die Chirurgen, die den Eingriff durchführen, haben sich dafür eingesetzt, dass die „Sécurité sociale“ in Frankreich die Kosten übernimmt. Denn die weibliche Genitalbeschneidung wird als Gewalt gegen Frauen eingestuft.

Wie hat die Rekonstruktion ihr Leben beeinflusst?

Inna Das hat mein Leben komplett verändert, das ist seelisch und körperlich sehr wichtig. Aber es ist eine sehr individuelle Wahl. Es gibt auch sehr viele Frauen, für die die Genitalbeschneidung ein starkes Trauma ist und denen durch die Beschneidung so viel Leid angetan wurde, dass sie an dieser Stelle des Körpers nicht mehr berührt werden wollen. Aber für mich war es die Möglichkeit, mir einen Teil meines Körpers wiederzuholen, der mir mit Gewalt genommen wurde. Deswegen kämpfen wir für ein Gesetz, das die Beschneidung in Mali untersagt. Ich glaube aber auch an die Kraft der Prävention, man muss den Leuten erklären, welche Auswirkungen das auf den Körper der Frau hat. Es ist nicht leicht, aber in Gambia gibt es seit 2016 ein solches Gesetz und eine befreundete Aktivistin von dort hat mir viele Tipps gegeben.

Das klingt vielversprechend. Aber wir wollen auch von Ihrer Musik sprechen. Mit „French Cancan“ gelang Ihnen im Sommer 2011 einer der Sommerhits in Frankreich. Was bedeutet das für eine junge Musikerin?

Inna Am Anfang habe ich das gar nicht so sehr mitbekommen, ich hatte mich abgekapselt um am neuen Album zu arbeiten. Als ich im September zurückkam, bemerkte ich, dass sich etwas verändert hatte. Die Leute sprachen mich auf das Lied an und als wir einen Videoclip auf den „Champs Élysées“ drehten, hielten die Autos auf der Straße an.

Ich habe den Leuten mit dem Lied eine dreiminütige Botschaft des Glücks und der Liebe mitgegeben. Das war wunderbar, denn es ermöglicht den Leuten, meine Musik zu entdecken und sich dafür zu interessieren. Aber mit dem Kopf war ich schon mit anderen Projekten beschäftigt.

Mit dem Album „Motel Bamako“ haben sie die Genres gewechselt, von Pop und Soul zu Rap. Warum?

Inna „Love Revolution“, das Album auf dem „French Cancan“ ist, ist Pop. Ich liebe auch den Soul und habe Lust darauf, mit dieser Musik Spaß zu haben, auch weil ich damit aufgewachsen bin. Aber Hip Hop mache ich seitdem ich 15 bin, also war es für nichts Neues, nur für mein Publikum. Ich sehe mich aber in beiden Stilen, Soul und Hip Hop, daheim.

„Motel Bamako“ ist aus dem Jahr 2015, haben Sie ein neues Album in Arbeit?

Inna Wir sind auf Welttournee, da bleibt keine Zeit für ein neues Album. Gleich nach dem Konzert in Luxemburg geht es eine Woche nach Brasilien, dann nach Australien und Neuseeland, dann folgen Deutschland und Frankreich. Aber ich spiele bald in einem Dokumentarfilm von Fernando Mereilles, dem Regisseur von „City of God“, der von einem Baumprojekt gegen die Ausdehnung der Sahelzone erzählt. Ich mache dabei eine Reise zu den Menschen und zur Musik.


Das Konzert findet an diesem Samstag im Atelier statt, Beginn 19.00, Karten kosten 27,80 Euro. Weitere Infos unter www.atelier.lu und www.ffl.lu