LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Vor- und Nachteile von Gewohnheit und Gewöhnung

Endlich kommt der Bus! Ich freue mich schon, denn ich will mir einen entspannten Shoppingnachmittag machen! Der Bus kommt immer näher, ich kann schon fast danach greifen und dann – plötzlich – geht mir der Schweiß aus. Die Herdplatte! Habe ich sie wirklich ausgemacht?

Jaja. Bestimmt. Ich mache sie doch immer aus. Warum sollte ich das ausgerechnet heute vergessen haben? Ich muss mich selbst ermahnen: „Nun stell dich nicht so an, du kannst dir da schon vertrauen, steig in den Bus ein, das kann doch nicht so schwer ein! Schau mal, jetzt sitzt du entspannt auf dem vorgewärmten Sitz, jetzt nimm schön dein Handy und höre etwas Musik, etwas Ruhiges, das dich runterbringt.“ Aber natürlich nehme ich mein Handy nicht zur Hand, um Musik zu hören. Ich google, wie schnell es dauert, bis eine Wohnung abgebrannt ist. Mein schlechtes Gewissen lässt mich nicht los. Obwohl ich innerlich weiß, dass ich die Herdplatte ausgeschaltet habe, bin ich plötzlich nicht mehr sicher. Was mir fehlt, ist die entscheidende Erinnerung.

Lernen bedeutet, Routine bekommen

Ich konnte einfach nicht abschalten und mich beruhigen und bin schlussendlich noch einmal nach Hause gefahren – umsonst. Denn die Herdplatte war natürlich ausgeschaltet. Wie ist es zu erklären, dass mir so etwas passiert? Wie kann ich einfach vergessen, ob ich etwas getan habe oder nicht? Werde ich alt?

Nein, es muss etwas damit zu tun haben, dass die Herdplatte auszuschalten ein Automatismus ist. Etwas, worüber ich nicht nachdenke. Eine Gewohnheit. Eigentlich ist das ein harmloser Gedanke, aber mir ist es unheimlich, welche Macht mein Unterbewusstsein über mich hat, welche Aufgaben es ohne mein Wissen erledigt. Denn wo ein Automatismus ist, sind sicher noch andere. Trotzdem weiß ich, dass das seinen Grund haben muss. Auch wenn es wissenschaftlich gesehen wenig sinnvoll ist: Ich habe immer die Vorstellung von einer Art göttlichen Natur, die alles aus einem bestimmten Grund so und nicht anders eingerichtet hat. Wenn sie es vorsieht, dass ich einige Tätigkeiten automatisch und unbewusst tue, dann kann das nur sein Gutes haben.

Das hat es ja auch wirklich, wenn ich so darüber nachdenke, denn ohne Gewohnheiten wären die einfachsten Alltagsaufgaben nicht zu meistern. Wenn ich immer, wenn ich eine Kartoffel schäle, so lange bräuchte, wie ich für das Schälen meiner allerersten Kartoffel gebraucht habe, dann müsste ich für ein Kartoffelgratin jedes Mal drei Stunden einplanen. Ok, vielleicht erinnert sich der ein oder andere jetzt an den Artikel über meine Kochkünste und den geschmolzenen Mikrowellenbehälter. Aber Talent ist eben nicht alles. Durch Routine kann man sich (fast) alles aneignen. Und man muss es sich sogar so erarbeiten.

Versichernde, aber bequeme Gewöhnung

Eigentlich ist es da verwunderlich, dass wir die Gewohnheit derart verteufeln. Meistens meinen wir damit nämlich schlechte Angewohnheiten: das tägliche Bierchen, das fernsehabendliche Schokotäfelchen, das Partyzigarettchen. In der Sprachwissenschaft würde man sagen, dem Begriff hafte eine deontische Komponente an, eine implizite Pflicht. In der Bedeutung von „Gewohnheit“ wäre also die Aufforderung enthalten, sie sich schnellstmöglich wieder abzugewöhnen.

Bei einer schlechten Routine ist diese negative Haltung durchaus berechtigt. Überhaupt sind mir unbewusste Handlungen immer noch unheimlich. Denn es ist ja beinahe so, als würde gar nicht ich selbst die Herdplatte ausschalten. Als wäre das jemand anderes, der in meinem Gehirn haust. Und da frage ich mich, wo ich bleibe, was ich denn mache, während mein Unterbewusstsein die Herdplatte ausschaltet. Wie viel Lebenszeit rauben mir meine Automatismen? Wäre es nicht sinnvoll, sich ihrer zu entledigen, um bewusster zu handeln und zu erleben und sich die Leidenschaft zu erhalten, die bei Routineaufgaben zwangsläufig verlorengeht? Auch wenn es bedeutete, mit manchen Dingen überfordert zu sein?

Das goldene Mittelmaß

Die Gewohnheit hat auch noch ein Schwesterchen: die Gewöhnung. Und auch sie erscheint im ersten Moment als Störfaktor. Welchen Anreiz nämlich hätten wir für notwendige Veränderungen, welchen Wert hätte Kunst, wenn wir uns an alles gewöhnen würden? Käme die auf die Spitze getriebene Gewöhnung nicht einer absoluten Passivität und Resignation gleich? Das Problem ist, dass wir zu sehr an Gewohnheit und Gewöhnung festhalten, aus Bequemlichkeit. Weil wir uns nach Sicherheit sehnen. Gewöhnung ist der einfache Weg und der einfache selten der richtige.

Andererseits ist die Gewöhnung auch ein Schatz. Wenn ich jedes Mal eine halbe Stunde bräuchte, um eine Kartoffel zu schälen, ich glaube, damit käme ich noch irgendwie klar. Aber wenn ich jedes Mal einen Heulkrampf bekäme, weil ich mich dabei in den Finger schneiden würde, wenn der Anblick meines eigenen Blutes mich jedes Mal mit der Wucht einer neuen Erfahrung umhauen würde, das wäre mir ein wenig zu viel Lebensintensität.

Es ist in Ordnung und sogar notwendig, die Kontrolle hin und wieder dem Alter Ego, dem Unterbewusstsein, zu überlassen und dümmlich sabbernd irgendwelchen heißen Tagträumen nachzuhängen, während dieses brav und selbstständig die Herdplatte ausschaltet und das Auto verriegelt. Wir können ihm vertrauen, denn es ist zuverlässiger, als wir vielleicht denken. Wir dürfen nur nicht den Moment verpassen, das Ruder im richtigen Moment wieder selbst zu übernehmen.