LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Fichtes System der Selbstsetzung

Neben Kant, Hegel und Schelling gilt auch Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) als einer der zentralen Philosophen des Deutschen Idealismus. Diese philosophische Strömung behandelte vorwiegend Fragen nach dem Geist und der Vernunft, dem Denken und dem Bewusstsein. Wie können wir wissen? Und vor allem, was? Können wir die Welt so wie sie ist erkennen? Oder entsteht die Welt erst in unserem Geiste? Fichte nähert sich diesen Fragen mit der These, dass die Welt als unsere eigene mentale Schöpfung anzusehen ist. Unverkennbar, dass Fichtes Theorie an das Denken Immanuel Kants (1724-1804) anknüpft, laut dem die Welt, die wir wahrnehmen, nicht so ist, wie die Welt „an Sich“ wirklich ist. Wir können sie stets nur als unsere Erscheinung erkennen, durch unsere Art und Weise des Wahrnehmens und Denkens. Als die Formen unseres Anschauens bieten sich Raum und Zeit an. Alles was wir wahrnehmen ist nach ihnen geordnet: Wir erfassen Objekte wie sie sich im Raum befinden, nebeneinander, übereinander, untereinander. Auch die zeitliche Verbindung unserer Anschauungen spielt eine wesentliche Rolle, so erscheint uns das „Äußere“ nacheinander oder zugleich, sodass wir es als vorher, nachher oder zeitgleich einordnen können. Nach diesem Ordnungssystem gestalten wir unsere Welt, obgleich uns der Inhalt der Wahrnehmungen wohl von außen gegeben sein muss. Behalten wir zunächst: Die Form unserer Welterkenntnis, so wie diese uns erscheint, bedingen wir. Diese Dinge selbst aber sind unabhängig von uns vorhanden.

Fichte geht diese Theorie nicht weit genug. Er ist fasziniert von der Freiheit des Denkens, und will beweisen, dass auch unser Erkennen der Welt unabhängig von einem uns die Dinge gebenden „Draußen“ sein kann. Somit muss auch der Inhalt unserer Erkenntnis (Stoff, Objekte, Dinge) von uns selbst hervorgebracht werden. Der zentrale Gedanke wird deutlich: Die Welt selbst wird durch den Menschen erschaffen. Um dies zu beweisen, hat Fichte in seiner „Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre“ (1794/95) ein umfassendes System konstruiert. Anzufangen gilt es bei dem Erkennen des Selbst, das heißt, sich seiner Selbst bewusst zu werden. Das Ich, wie das Selbstbewusstsein des Subjektes bei Fichte heißt, gibt dem Nicht-Ich, als allem, was von dem eigenen Ich zu unterscheiden ist, seine Realität: „Das Ich sowohl als das Nicht-Ich sind, beide durch das Ich, und im Ich, als durcheinander gegenseitig beschränkbar, d. i. so, dass die Realität des Einen die Realität des Andern aufhebe, und umgekehrt“. Erst, wenn ich mich selbst setze, also mir meiner selbst bewusst werde, kann ich eine Realität außer mir, jedoch stets in Relation zu mir, setzen und wahrnehmen. Und erst durch das, was ich als dieses Nicht-Ich wahrnehme, werde ich und meine eigene Welt für mich real. Zwar ist die von mir gesetzte Welt stets nur eine Welt für mich, die keinen Anspruch auf absolute Objektivität erheben darf, jedoch ist dies die einzige Form der Welt, die für mich je erkennbar sein kann.

Wenn wir nun die eine Welt für uns erschaffen können, gibt uns dies nicht auch die Macht über unser eigenes Leben? Ist unsere mentale Kraft der Trumpf im Spiel des Lebens, durch welchen wir uns selbst und unser Umfeld bestimmen können? „Was für eine Philosophie man wählt, hängt davon ab, was für ein Mensch man ist“, lautet einer der berühmtesten Statements Fichtes. Das Weltbild, das man hat, ist von einem Selbst geschaffen worden, sodass ein jeder selbst dafür verantwortlich zu machen ist, welchen Eindruck er vom Leben davonträgt. Jemand, der seine Vorstellung von den Dingen herleitet, ist daher eher Materialist oder dogmatisch. Laut Fichte gilt dies für passive und hinnehmende Gemüter. Derjenige, der selbstständig und tatkräftig ist, findet sich eher im Idealismus wieder, so wie Fichte selbst natürlich. Die Dinge entstehen erst aus unseren Vorstellungen, die Welt ist von uns abhängig, nicht wir von ihr. Dass wir dies können, ist der schöpferischen Freiheit des Menschen überhaupt zu verdanken: Sie begründet das Bewusstwerden unseres Selbst und unseres gesamtes Weltinhalts, der, wir haben es oben gesehen, aus der Relation zu den Nicht-Ichs besteht.

Vielleicht erscheinen Fichtes Ansichten von einem latenten Egoismus begleitet. Allerdings erzwingt dies nicht unmittelbar pejorative Konsequenzen. Im Gegenteil: Ist das Subjekt der Selbstbestimmung fähig, kann es sich das Ziel der Vollkommenheit selbst setzen und sich diesem entgegenstrebend verhalten. Für Fichte ist dies die Überwindung der Individualität, da laut ihm das Ideal nur in der Vielfalt hervortreten kann - die Harmonie in der heterogenen und multikulturellen Gesellschaft ist demnach auch für den Einzelnen das anzustrebende Ziel. Die Aktualität bedankt sich für diese schöne Idee.