Das Quantitative Easing der Europäischen Zentralbank beschäftigt die Fondsmanager. Daniel Stefanetti arbeitet als Portfolio-Manager für die unabhängige Fondsgesellschaft Ethenea. Das 2010 gegründete Unternehmen beschäftigt derzeit 60 Mitarbeiter an allen Standorten und verwaltet Vermögensverwaltungsfonds für Anleger europaweit. Die betreuten Ethna Funds Ethna-Defensiv, Ethna-Aktiv und Ethna-Dynamisch haben ein Volumen von jeweils 1,1 Milliarden Euro, 11,36 Milliarden Euro und 187,56 Millionen Euro. Der langjährige Finanzspezialist Stefanetti, der zuletzt bei der luxemburgischen Zentralbank als Senior Portfolio-Manager gearbeitet hat, ist seit Oktober 2014 vorrangig für den Ethna-Defensiv verantwortlich. Er erklärt, wie sich die Politik des Quantitatve Easing auf die Märkte und Strategien auswirkt.
Herr Stefanetti, die Zinsen liegen immer noch sehr, sehr tief und die Aktienmärkte boomen. Bleibt es bei der Hausse?
Daniel Stefanetti Kurzfristig sorgt die Griechenlanddebatte für erhöhte Volatilität und Nervosität an den Finanzmärkten. Wir sehen trotzdem weiterhin höhere Kurse für Ende des Jahres, doch wir differenzieren klar zwischen Europa und den USA. Die Fed könnte ein- bis zweimal an der Zinsschraube drehen, was zu einem Gamechanger werden könnte. Des Weiteren klagen immer noch viele US-Unternehmen über das absolute US-Dollar-Niveau. In Europa hingegen beschert uns die EZB nicht nur eine Nullzinspolitik und exzessive Liquidität in den Märkten, sondern auch negative Renditen auf viele Staatsanleihen. So gesehen sind die Risikoprämien in den Aktienmärkten weiter im positiven Bereich..
Was beschäftigt Sie zur Zeit?
Stefanetti Das Hauptthema ist das Quantitative Easing von Draghi mit einem Gesamtvolumen von 1.100 Milliarden Euro. Das verändert den Markt. Denn QE basiert auf dem Kapitalschlüssel der EZB, also darauf, welchen Anteil jede Zentralbank am Kapital der EZB hat. Das heißt, 30 Prozent des gesamten Volumens geht schon mal an Deutschland, das somit extrem davon profitiert. Deutschland hätte diese Spritze nicht unbedingt gebraucht. Dort ist die Wirtschaft schon fast überhitzt. Dies könnte mittelfristig zu steigender Inflation führen.
Warum sparen Deutschland und die anderen Länder?
Stefanetti Wenn Deutschland rund 2.000 Milliarden Euro Schulden hat, spart es viel. Die Finanzierungskosten für zehnjährige Bundesanleihen lagen im Schnitt seit der Jahrtausendwende bei 3,3 Prozent. Heute liegt das Niveau bei gerade noch 0,14 Prozent. Schäuble spart also weit mehr als 60 Milliarden pro Jahr. Italien spart sogar noch mehr, denn es hat nominal die gleichen Schulden wie Deutschland. Die Peripherie ist auch ein großer Gewinner des QE. Portugal hat zwar nur einen schwachen Anteil am Kapital der EZB, trotzdem ermöglicht das Programm, dass bis zu 30 Prozent der gesamten Anleihen aufgekauft werden. Es wird also auch davon profitieren. Deshalb haben wir unsere Investitionen zum Beispiel in portugiesische Anleihen erhöht. Der Spread zu Deutschland beträgt aktuell 1,85 Prozent. Man darf nicht vergessen, dass es vor der Krise das Wort „Spread“ im innereuropäischen Staatsanleihenbereich eigentlich so nicht gab, da alle Anleihen fast auf gleichem Niveau handelten. Kurzfristig lähmt die „Grexitdiskussion“ den Prozess, wir sehen aber weiter gute Chancen im Rentenbereich in der Peripherie.
Profitiert Griechenland auch davon?
Stefanetti Das Programm läuft seit gut einem Monat. Griechische Bonds sind vom QE allerdings ausgeschlossen. Die große Frage ist: Was passiert, wenn die Griechen keine Schulden mehr zahlen und Bankrott machen? Es kann sein, dass nochmal ein Haircut - also ein Schuldenschnitt - von 80 bis 90 Prozent kommt. Aber das ist nur der finanzielle Teil. Was wäre das Resultat? Es könnte sein, dass die Ansteckungsgefahr für die restliche Peripherie, über die immer gesprochen wird, Realität wird. Aber momentan scheint es so, dass die Politik und die EZB dies nicht wollen. Griechenland ist ein spezifischer Fall.
Wie beurteilen Sie die Haltung Europas und seine Finanzpolitik?
Stefanetti Die Politik, die derzeit in Europa betrieben wird, trägt nur bedingt Früchte. Wir haben es mit einer gänzlich neuen Situation zu tun. Man sollte daher nicht erwarten, dass alles schnell geht. Den Schuldenberg aufzubauen hat 40 Jahre gedauert. Man muss den Ländern einfach mehr Zeit lassen. Dennoch finde ich es bedenklich, wenn ich sehe, wie langsam die notwendigen Strukturreformen voranschreiten. Draghi kann uns leider nicht ewig Zeit kaufen.
Wie sehen Sie die Zukunft?
Stefanetti Wenn man davon ausgeht, dass für Griechenland eine Lösung gefunden wird, bleiben wir weiterhin positiv gestimmt auf europäische Aktienmärkte und auf Peripherieanleihen, wo wir tiefere Kreditspreads sehen. Wir denken, dass die USA die Zinsen schrittweise erhöhen werden. Mittlerweile liegt der Spread der zehnjährigen US-Anleihe im Vergleich zum Bund bei knapp 180 Basispunkten. Der Spread kann eine sehr interessante Alternative bieten. Wir investieren in amerikanische Unternehmensanleihen, weil wir somit auch noch eine Risikoprämie einloggen. Wichtig ist auch, dass es für gleiche Unternehmen höhere Prämien gibt als im Euro-Bereich. Deshalb bringen sogar erstmals US-Unternehmen wieder vermehrt Anleihen im Euro. Der Währungshedge ist fast umsonst.
Was passiert, wenn das Quantitative Easing nicht funktioniert?
Stefanetti Wenn das QE nicht funktioniert, dann ist eine Verlängerung möglich. Es soll Geld in die reale Wirtschaft pumpen. Wenn die Inflation nicht signifikant steigt, sehen wir kein Risiko. Frühestens 2017 werden wir uns wohl mit der Zinsproblematik beschäftigen müssen. In den USA ist es etwas anderes. Die haben schon angekündigt, den Zins zu erhöhen. Interessant wird sein, wie Yellen dies den Finanzmärkten „verkaufen“ wird. Ich glaube, es wird keine aggressiven Zinsschritte geben, dafür ist die US-Wirtschaft dann doch nicht stark genug. Der Ölpreis hingegen birgt ein Risiko. Wenn der steigt, könnten wir Probleme mit der Inflation bekommen. Wenige haben dies momentan auf dem Radar.
Wer will überhaupt noch Staatsanleihen?
Stefanetti Effektiv handeln aktuell fast vier Billionen Euro Staatsanleihen in Europa mit negativen Renditen, aber das ist per se noch kein Problem. Es ist noch immer möglich, mit Staatsanleihen Geld zu verdienen, sogar mit negativen Renditen wie das Schweizer Beispiel kürzlich gezeigt hat. Bei Staatsanleihen wird es aber bedeutend schwieriger als in der Vergangenheit. Deshalb orientieren wir uns auch verstärkt am Unternehmensanleihenbereich. Wir sehen auch noch Opportunitäten, die entstanden sind durch die neuen Basel III Regularien oder bei Anleihen, die zum Beispiel auf die Form der Zinskurve setzen.
Platzt bald die Blase?
Stefanetti Das wird sicher ein Thema. Die USA haben gerade mehrere QE hinter sich, das favorisiert die Entstehung von Finanzblasen. Ich glaube, die Zeit extrem hoher Zinsen ist vorbei. Die Globalisierung hat die Inflation gedrückt und die Zinsen werden auch mittelfristig tief bleiben gemessen an historischen Mittelwerten. Aber die Frage der Normalisierung wird sich stellen, weil wir in einem Umfeld operieren, das nicht so bleiben kann. Wir können nicht ewig mit Minizinsen und massiver Liquidität operieren. Wir brauchen wieder mehr Risikogefühl im System. Das wird ein ganz schwieriger Schritt, der mit starker Volatilität einhergehen kann. Aber in den nächsten 18 Monaten ist das zumindest in Europa noch kein Thema. Ich befürchte eher, dass durch die exzessive Liquidität Blasen in anderen Sparten entstehen könnten, sei es in Immobilien, Kunst oder anderen Bereichen, da dort keiner für liquide Assets sorgt.


