LUXEMBURG
SAMUEL HAMEN

Literaturwissenschaftler, Herausgeber und Kritiker Karl-Heinz Bohrer stellte sein neues Buch vor

Der Repräsentant des Goethe-Instituts am Institut Pierre Werner, Henning Marmulla, war sichtlich stolz, als er den Gast des Abends ankündigte. Mit Karl-Heinz Bohrer hatte das IPW in Zusammenarbeit mit der uni.lu eine maßgebliche Figur aus dem europäischen Geistesleben nach Luxemburg geholt, eine Figur, auf die die oft gebrauchte und selten passende Vokabel „Intellektueller“ tatsächlich zutrifft.

Karl-Heinz Bohrer begleitete als Literaturwissenschaftler, Hochschullehrer sowie als Literaturchef und England-Korrespondent der FAZ über Jahrzehnte hinweg das geistige Leben der BRD, griff in Debatten zur 68er-Bewegung ein und legte zahlreiche maßgebliche Studien zur Ästhetik und europäischen Literatur- und Kulturgeschichte vor. Mit seinem nun bei Suhrkamp veröffentlichten autobiographischen Buch „Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie“ gestaltet er seine über Jahrzehnte entwickelten literaturtheoretischen Ansätze zu einer autobiographischen Erzählung um.

Ein Theoretiker des Präsens

Als Gegner jeglicher bräsigen Üblichkeit frönt Bohrer in seinen Schriften dem Ereignis, dem Einfall des Plötzlichen, Schönen und Erhellenden in die eigene Existenz. Nur auf diese Weise kann ein solch imaginationsfreudiger subjektivistischer Denker letztlich dem Gräuel entgehen, im geisttötenden Alltag zu versumpfen. Und diese Denk- und Lebenslogik ist auch „Jetzt“ eingeschrieben, einem Memoir, aus dem Bohrer am vergangenen Dienstag eine Dreiviertelstunde vorlas. Nach „Granatsplitter“ (2012) ist der Band die zweite autobiographische Veröffentlichung Bohrers.

Dabei musste sich der Gast weder beim Vorlesen noch im Gespräch mit der in Bielefeld lehrenden Zeithistorikerin Ingrid Gilcher-Holtey besonders bemühen, seine Biographie ins Außerordentliche hin zu verklären. Schließlich ist die jüngste Geschichte der BRD übervoll mit theatralischen historischen Momenten, und Intellektuellenkreise, wie sie Bohrer frequentierte, sind seit jeher kabarettistische Bühnen. Dementsprechend hob der Autor mit viel Erinnerungslust Geistesgrößen wie Alexander Kluge oder Jürgen Habermas aus ihrer Altersversenkung hervor, um sie in Gaststätten bei gemeinsamen Essen auftreten zu lassen. Leichthändig sprach er zudem über die Französische Revolution, das faschistische Potenzial der Surrealisten oder die Aura der Erhabenheit, welche der Guillotine als Exekutionsinstrument revolutionärer Ideen zukommt.

Freilich: Das klingt dem einen allzu sehr nach professoraler Vorlesung und symbolträchtigem VIP-Dozieren. Aber Bohrer ist ein begnadeter Erzähler und Referent, der in einer so komprimierten wie zugänglichen Weise seine Themen und Thesen aufzubereiten weiß. Mit spitzfindiger Verve las er teils groteske Episoden vor, etwa wie er mit dem österreichischen Autor Thomas Bernhard Rindswurst aß und dieser ihm offenbarte, er, Bernhard, würde wohl bald sterben müssen. Stets sind diese Anekdoten ins Repräsentative und Reflexive gewendet, ja, ihrem Verfasser gelingt es, blitzartig deren Essenz und Eigensinn herauszustellen. So mündet das Rindswurstmahl zwischen Bohrer und Bernhard etwa in einem Lob der Unmöglichkeit, Literatur und ihre Kritik letztgültig zu versöhnen.

Der IPW-Abend bestach durch diesen vergeistigten Zugriff auf das Erlebte. An einer Stelle im Buch heißt es: „Es ging gar nicht um ein Ziel, sondern um das von mir gefühlte Jetzt.“ Demgemäß war es ein großer Gewinn, dem so schnoddrigen wie rede- und schreibgewandten 84-jährigen Bohrer zuzuhören, wie er über sich selbst als ambitionierten 35-jährigen Jung-Akademiker reflektiert. Gerade aus der präsentischen Begegnung vor Ort, aus dem Miterleben eines Geistesmenschen, der seine Maxime des Jetzt-Seins und -Denkens beständig neu vollzieht, zog der Abend in der „Abbaye de Neumünster“ seinen außerordentlichen Reiz.