LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Im Streit zwischen Eltern und Lehrern gerät das Wohl des Kindes oft ins Hintertreffen – Schulmediatorin Lis De Pina plädiert für obligatorische Kurse in der Konfliktentschärfung

Die Befürchtungen sollten sich nicht bewahrheiten: Als die Schulen Mitte März schlossen, rechnete der nationale Schulmediationsdienst mit dem Schlimmsten. Doch eine Welle an „Covid“-Dossiers blieb infolge der Umstellung binnen Tagen auf Fernunterricht und dem Herunterfahren vieler Aktivitäten aus.

„Wir waren ganz erstaunt“, sagt Schulmediatorin Lis De Pina dem „Journal“.  An Arbeit fehlte es  dem „Service de médiation scolaire“ (SMS)  im zweiten Schuljahr seit seiner Einführung dennoch nicht.
138 neue Beschwerden gingen im abgelaufenen Schuljahr bei der Schulmediationsstelle ein. Die Zahl der neuen Dossiers steigt, im Vergleich zum Vorjahr, also leicht an. 78 Dossiers entfallen auf die Grundschule, der Rest auf die Sekundarschule.

Die meisten Probleme betreffen nach wie vor die schulische Inklusion. Das Ziel, Schüler mit besonderem Förderbedarf wie alle anderen auch in der Regelschule zu unterrichten, gehört mit der Prävention des Schulabbruchs und der Integration von Kindern mit ausländischen Wurzeln zu den Aufgabenbereichen des Schulmediators.

Einige  Dossiers erhält das vierköpfige Team weiterhin über den Ombudsman und den neu ins Leben gerufenen Ombudsman fir d’Rechter vu Kanner a Jugendlecher (vormals ORK). Das zeigt, dass sich die noch junge durch das Gesetz vom 18. Juni 2018 geschaffene Instanz ihren Platz in der öffentlichen Wahrnehmung noch erarbeiten muss. „Es stimmt, dass wir noch bekannter werden müssen“, räumt De Pina ein. Geplant sind jetzt etwa Treffen mit dem Lehrpersonal, Elternvertretern auf Schul-  und nationaler Ebene, dem Gemeinde- und Städtebund Syvicol oder auch den verschiedenen Kompetenzzentren für Schüler mit Förderbedarf.

Natürlich kann der „Service de médiation au maintien, à l’inclusion et à l’intégration scolaires de l’Éducation nationale“  auch durch seine Vermittlungsarbeit und Empfehlungen von sich hören lassen. Eine Baustelle bleibt für Lis De Pina etwa die Inklusion von Schülern mit einem Defizit im Sekundarschulwesen. „Beim Übergang vom Fondamental in den Secondaire müsste es eigentlich einen Automatismus geben“, beschreibt es die Schulmediatorin.  Vielleicht müsste man auch sagen: „gerade weil“. Denn im anonymeren „Secondaire“ mit wechselnden Klassensälen und einer Vielzahl an Lehrern erwartet Schüler mit besonderem Förderbedarf eine deutlich komplexere Welt als im „Fondamental“. Zudem seien sich manche Eltern nicht bewusst, dass es zwischen den Bildungsebenen keinen fließenden Übergang gibt. Andere wiederum sehen darin eine Chance für eine Art Neustart für ihr Kind. Doch die Sekundarschule folgt ihren eigenen Gesetzen.  Lis De Pina hofft deshalb, dass das Pilotprojekt, in verschiedenen Lyzeen die sogenannten ESEB-Teams („équipes de soutien des élèves à besoins éducatifs particuliers“) einzusetzen, bald –nun ja - Schule macht. „Da merkt man, dass eine ganz andere Dynamik entsteht. Es ist wichtig, dass so viele Lyzeen wie möglich solche ESEB-Teams bekommen“.

Deeskalationstraining sollte zum Pflichtprogramm gehören

Wenn die Fronten verhärtet sind und das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern, Schülern und Lehrern zerrüttet ist, erleben die Mitarbeiter des Schulmediators bisweilen „extrem emotionelle“ Momente. Lis De Pina ist überzeugt davon, dass eine Ausbildung in der Kommunikation und Deeskalation zum Pflichtprogramm von Lehrkräften und Verwaltungsmitarbeitern gleichermaßen gehören sollte. Mit Blick auf die Dossiers, mit denen der SMS befasst wird, sagt sie: „Wir haben einfach keine Kultur der Kommunikation.“  Wenn aber das Bewusstsein dafür fehlt, dass Eltern primär aus Angst um ihr Kind auf diese oder andere Weise reagieren, gerät das Wohl des Kindes sehr schnell ins Hintertreffen, weil sich ein gestörtes Vertrauensverhältnis zu einem handfestem Streit hochschaukeln kann. „Diese fundamentalen Reflexe der Kommunikation fehlen. Uns erschreckt,  dass ganz vergessen wird, über das Kind zu reden“, sagt De Pina.  In seiner Arbeit legt der Schulmediationsdienst  großen Wert darauf, die Emotionen vom eigentlichen Thema zu trennen. „Sonst verliert man das Kind.“

Im vergangenen Jahr hat der Schulmediationsdienst nicht weniger als 18 Empfehlungen an Ressortminister Claude Meisch formuliert, zehn davon finden sich im Jahresbericht 2018/19 wieder. Solchen allgemeinen Formulierungen gehen immer mehrere einzelne an den Schulmediator herangetragene Vorfälle voraus. Häufig geht es dabei um die Nichtanwendung von Gesetzen, Gesetzeswidrigkeiten oder rechtliche Lücken. So hat der Schulmediator etwa darauf hingewiesen, dass das nachträgliche Abziehen von Punkten auf einer bereits korrigierten Prüfung – wenn diese nach Einschätzung des Lehrers nicht zufriedenstellend vom Schüler nachkorrigiert wurde – nicht rechtens ist.  Der Bericht hält auch fest, dass die Inklusionskommissionen in manchen Fällen keine Referenzperson angeben, beziehungsweise dass die ernannte Referenzperson keine proaktive Haltung hat und sich auf einen Namen auf einem Brief reduziert. Auch würden Eltern oftmals bei Entscheidungen über ihr Kind außen vor bleiben oder es würde vergessen werden, bei einer Abänderung einer bereits abgesegneten individuellen Begleitung eines Schülers mit spezifischen Bedürfnissen erneut die Einwilligung der Eltern einzuholen. „Böse Absichten“ will Lis De Pina den Beteiligten nicht in allen Fällen unterstellen, auch wenn sie einräumt, dass in manchen
Konstellationen die Betroffenen „Frust ablassen“ wollen. An dem haben die Vermittler in Bildungsfragen aber wie gesagt kein Interesse.

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Keine fallspezifischen Empfehlungen

Sollte ein bereits einmal durch die Kontaktaufnahme im Interesse aller Parteien gelöstes Problem wieder auftauchen oder zeigt sich eine Partei wenig einsichtig, kann der Schulmediator auch eine individuelle Empfehlung formulieren. Das Gesetz sieht vor, dass beispielsweise eine Schule diese Empfehlung binnen einer bestimmten Frist umsetzen muss. Geschieht das nicht, dann ist der Schulmediator von Gesetzes wegen dazu angehalten, den Bildungsminister über die Situation in Kenntnis zu setzen. Ein Druckmittel hat der Schulmediator damit also durchaus, sollten sich problematische Situationen wiederholen.

Doch darauf will die Juristin möglichst verzichten, wenn im „Guten“ eine Einigung im Sinne aller Beteiligten gefunden werden kann. Sie betont immer wieder die Bedeutung des Vertrauensverhältnisses. Man könnte auch sagen: Der Schulmediator versucht es zunächst auf die freundliche Art. Die Strategie scheint aufzugehen. Zu einer individuellen Empfehlung kam es  im abgelaufenen Schuljahr jedenfalls nicht. Und wo manche Direktion im Schuljahr 2018/19 noch etwas nervös auf die Kontaktaufnahme des Schulmediators reagierte, sei die Zusammenarbeit in diesem Jahr „gut“ verlaufen. „Die Direktionen sind dankbar für jedes Problem, das gelöst wird“, sagt sie.
Was die allgemeinen Empfehlungen angeht, will der Mediationsdienst in seinem nächsten Jahresbericht, der dem Parlament und dem zuständigen Minister Claude Meisch vorgelegt wird, eine Bestandsaufnahme machen, was die Empfehlungen des Mediators bewirkt haben. Auch wenn die Umsetzung in manchen Punkten nicht immer einfach sei, so sei doch in keinem Punkt nichts geschehen.
Schulabbruch verhindern:

„Prävention fängt in der Grundschule an“

In 67 Dossiers  des Schulmediators ging es darum, einen frühzeitigen Schulabbruch zu verhindern. Dabei fasst die Schulmediationsstelle ihre Aufgabe eigentlich weiter als im Gesetz vorgesehen. In der Tat ist die Aufgabe des „maintien scolaire“ im Gesetz auf „Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren“ und die Reintegration in eine Sekundarschule oder „eine andere Ausbildung“ zugeschnitten. „Wir sind der Ansicht, dass die Prävention bereits in der Grundschule eine Rolle spielt.  Der ,Cycle 3‘ ist ein großer Wendepunkt und dann auch der vierte Zyklus. Wenn dann Schüler von 7e-, 6e- oder 5e-Klassen zu uns kommen, haben die in ihren Köpfen meist schon längst mit der Schule abgeschlossen.“ In solchen Fällen legt der Schulmediator das Gesetz so aus, „dass es im Interesse des Kindes angemessen ist, dass wir jetzt agieren“. Der Schulmediator prüft in dem Fall also auch bei Grundschülern,  welche Maßnahmen zu ihren Gunsten ergriffen wurden. Braucht ein Kind eine pädagogische Differenzierung und wird sie angeboten? Gibt es Nachhilfekurse für das Kind oder deren vielleicht zu viele, sodass der oder die Schülerin den Anschluss an den Regelunterricht verpasst? Lis De Pina verweist auf die „obligation de moyens“, die für das ganze Bildungssystem gilt. Also:  alle Anstrengungen zu mobilisieren, damit ein Ziel erreicht werden kann und die Orientierung auf die Sekundarstufe den tatsächlichen Kompetenzen des Kindes am besten entspricht. Im September trifft sich der SMS übrigens mit dem „Observatoire de la qualité scolaire“ für einen Erfahrungsaustausch.

Noch kein neuer Standort gefunden

Vorerst bleibt der Schulmediationsdienst noch am „Aldringer“ angesiedelt.  Zu den vor einem Jahr erwähnten Umzugsplänen gebe es noch keine Neuigkeiten. Diese müsste es aber „demnächst“ geben, meint die Schulmediatorin. Die bei ihrer früheren Einschätzung bleibt: „Wir brauchen die Nähe zum Ministerium“. Allerdings ist die Anlaufstelle auch um ihre Unabhängigkeit erpicht, die nicht unbedingt dadurch gefördert wird, dass sie in der Vergangenheit auf Versammlungsräume des Bildungsministeriums zurückgreifen musste.

Auch personalmäßig hofft der SMS auf baldige Verstärkung: Ein Psychologe oder Pädagoge mit Erfahrung im Schulwesen wird derzeit noch gesucht. Dann würde die Anlaufstelle auf fünf Vollzeitstellen wachsen.

Zum Schulmediator

Wann und wie einschalten?

Um den Schulmediator mit einer Beschwerde zu befassen, müssen sich zunächst die Eltern um eine Lösung mit den betroffenen Akteuren der schulischen Gemeinschaft bemüht haben. Neben den Eltern können sich allerdings auch volljährige Schüler und Lehrer, Direktoren oder Erzieher – also
alle „agents de l’Éducation nationale“ an den Dienst wenden.

Weitere Informationen unter www.mediationscolaire.lu