CRECY EN PONTHIEU
PATRICK WELTER

Zufällige Begegnung mit Johann von Luxemburg, König von Böhmen, in der Picardie

Allertiefste französische Provinz. Je nach Stimmung wunderschön oder tieftraurig. Gerade jagt der Wind viele Wolken vom Meer her über das flach gewellte Land, das Wetter kann sich nicht entscheiden. Auf der Suche nach einer Poststelle durchkurven wir das nächste Städtchen. Es scheint sich alles Leben um das Kriegerdenkmal zu drehen. Nur flüchtig fällt der Blick auf die Gründerzeitorte aus Zement und Pathos „Mort pour la France - 1346“.

1346? Wie bitte? Es dauert noch eine Minute, bis sich die Gehirnwendungen melden. 1346, da war doch was? Wie heißt dieses Nest hier? Crécy en Ponthieu. Das wird doch nicht? Doch es ist DAS Crécy, Ort jener epischen Schlacht im August 1346, die den Untergang des europäischen Rittertums einleitete. Sie zeigte, dass militärische Disziplin den gepanzerten Edelleuten überlegen war und vor allem kostete sie Johann von Luxemburg, König von Böhmen, besser bekannt als Johann der Blinde, das Leben. Besonders wichtig: Er war der Stifter der Schobermesse.

Aus der geplanten Durchfahrt wird jetzt eine Erkundung der Umgebung. Was ist im September 2019, 673 Jahre nach der Schlacht hier, im Westen der Picardie noch von diesem Moment der Weltgeschichte zu sehen? Insbesondere, wenn man mit in Betracht zieht, dass diese Gegend ein hunderttausendfaches Sterben erlebt hat. Crécy en Ponthieu liegt nur wenige Kilometer nördlich der Somme-Mündung in den englischen Kanal. Weiter östlich tobten die furchtbarsten Schlachten des Ersten Weltkriegs. An den 20 Kilometer entfernten Stränden stolpert man alle paar Meter über Nazi-Bunker. Was bleibt davon einer Schlacht, die 700 Jahre zurückliegt?

Zunächst fällt auf, dass Crécy außer mit dem scheußlichen Kriegerdenkmal, eigentlich ein Johann-Denkmal von 1905, mit einigen hässlichen Ritterfiguren an seine Geschichte erinnert. Das Schlachtfeld von 1346 ist ausgeschildert. Auf einem flachen Hügel steht ein rustikaler Aussichtsturm, bei dessen Besteigung es sich empfiehlt, den Kopf einzuziehen. Auf der zweiten Ebene zeigt dann eine einfache und ein bisschen verwitterte Schautafel, was sich auf den friedlichen Feldern vor uns abspielte.

Der Beginn des hundertjährigen Krieges

Die Schlacht von Crécy steht am Anfang des hundertjährigen Kriegs indem sich - grob gesagt - die englischen und die französische Könige um die Vorherrschaft in Frankreich stritten. Edward III. von England hatte 1346 den Kanal überschritten. Philipp VI. von Frankreich zog ihm siegesgewiss entgegen. Die englischen Truppen waren dem französischen Ritterheer im Verhältnis 1 zu 2 unterlegen. Eine klare Sache für Philipp und seine ritterlichen Freunde, darunter Johann von Böhmen.

Wer einen Blick auf die Schautafel wirft, sieht sofort, was dort unten auf den leicht zu einem Bach abfallenden Wiesen geschehen ist. Die Engländer, fast alle Bogenschützen zu Fuß, stellten sich in drei Flügeln auf. Auch die wenigen englischen Ritter kämpften zu Fuß. Ritter und gewöhnliche Schützen Seite an Seite, ein Novum. Die französischen Edelleute stürzten sich wie bei einem Turnier in die Schlacht, mit mehr Mut als Hirn. Engländer halbrechts und halblinks, deren Reserve in der Mitte; die Ritter ritten in ihr Verderben.

Ein ununterbrochener Hagel von Pfeilen, abgeschossen von walisischen Langbögen, dezimierte die Ritterschar nach und nach. Reichweite, Durchschlagskraft und die schnelle Schussfolge sorgten für entsetzliche Verluste auf französischer Seite. Wer vom Pferd fiel und nicht tot war, wurde nieder gestochen. Dennoch, der völlig blinde Johann von Luxemburg stürzte sich - aus purer Freundschaft zu Philipp - von Rittern geführt in die Schlacht, wurde von einem Pfeil getroffen, vom Pferd gezerrt und erschlagen.

Der tapferste aller Ritter

Am Abend waren von etwa 20.000 Franzosen 10.000 tot, darunter 1.500 Edelleute. Edwards Verluste lagen im dreistelligen Bereich. Der Prince of Wales fand die Leiche Johanns, nannte ihn an Ort und Stelle den „tapfersten aller Ritter“ und übernahm seinen deutschen Wahlspruch „Ich dien.“ Womit Johanns ewiger Ruhm seinen Lauf nahm.

Hier oben auf dem Turm muss man sich anstrengen, um sich diesen Tag zu vergegenwärtigen. War’s das jetzt mit Crécy und Johann von Böhmen?

Das böhmische Kreuz

Ein Blick in die geschätzte Michelin-Karte hilft weiter, jenseits des flachen Tales ist ein „Croix de Bohème“ an einer Nebenstraße eingetragen. Gilt das Johann? Nach einigem Suchen und Fahrten über Sträßchen letzter Ordnung stehen wir dann davor. Unten ein Kubus aus einfachen Ziegelsteinen, darauf eine kuppelförmiges Gebilde mit Inschriften auf der Vorder- und Rückseite, Wappenschilde an den Seiten. Überragt von einem Steinkreuz, das um Jahrhunderte älter zu sein scheint, aber den letzten Blitzschlag nicht gut überstanden hat. Die Trümmer liegen auf der Rückseite.

Die Inschrift würdigt die Tapferkeit und den Tod des Königs von Böhmen, Johann von Luxemburg, deutlich mehr, als es das leicht angeschlagene Denkmal selbst tut. Auf der Rückseite sind alle diejenigen verzeichnet, die sich 1903 für die Renovierung des „Croix de Bohème“ eingesetzt haben. Es wird auch erwähnt, dass schon kurz nach der Schlacht ein erstes Kreuz für Johann den Blinden errichtet und im Laufe der Zeit immer wieder erneuert wurde. War hier der Platz wo er starb? In einer französischen Quelle wird von einer Verlegung von etlichen Metern an den heutigen Standort gesprochen.

Das Kreuz ist aber kein mehr oder minder vergessenes Relikt am Wegesrand, ganz im Gegenteil. Am Fuß liegt ein Blumengebinde mit einer blau-weiß-roten Schärpe „Vive la France, Vive la Bohème.“ Die Erinnerung lebt fort.

Nachtrag: Zuhause finde ich einen Beitrag aus dem „Le Journal d’Abbéville“ vom Mai 2019, wonach sich die (winzige) Gemeinde Estrées-les-Crécy einen finanziellen Beitrag von Tschechien und Luxemburg zur Restaurierung des „Croix de Bohèmes“ erhofft. Tschechien ist der Bitte mittlerweile nachgekommen.