STOCKHOLM
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Literaturnobelpreis für Swetlana Alexijewitsch

In der Sowjetunion zählte der Mensch nur als Masse. Doch die Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch denkt anders. Sie gibt dem einzelnen kleinen Menschen seine Stimme zurück und erhält dafür den höchsten Literaturpreis.

Swetlana Alexijewitsch (67) sammelt Stimmen, hat ihr schriftstellerisches Leben lang Stimmen gesammelt. Mit einem eigenen literarischen Stil ist die Weißrussin zum moralischen Gedächtnis der zerfallenen Sowjetunion geworden. Sie hat Collagen geschaffen, die das ganze Leid, die Katastrophen und den harten Alltag der Menschen in ihrer Heimat aufarbeiten. 2013 erhielt sie dafür den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Nun wird sie auch mit dem Literaturnobelpreis geehrt - „für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“. Erstmals seit der Auszeichnung für den russischen Dichter Joseph Brodsky 1987 geht der Preis wieder in den früher sowjetischen Sprach- und Kulturraum.

„Romane in Stimmen“ nennt Alexijewitsch ihre Methode auch. Erstmals wandte die gelernte Journalistin sie 1983 im Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ an. Mit Interviews dokumentierte sie das Schicksal sowjetischer Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg. Das waren keine grandiosen Heldengeschichten, die alten Frauen erzählten vom Grauen des Tötens, vom schwierigen Überleben in der Männerwelt und von der schweren Rückkehr in das Alltagsleben. „Die Männer haben ihre Kampfgefährtinnen vergessen, haben sie verraten. Sie haben ihnen den Sieg gestohlen und nicht geteilt“, sagt die Autorin.

Die Künstler in Weißrussland verarbeiten den Krieg

Das Buch sei in der Sowjetunion damals ein Skandal gewesen, erinnert sich Irina Schtscherbakowa, Historikerin und Menschenrechtsaktivistin der Organisation Memorial in Moskau. Der Zweite Weltkrieg ist nach wie vor Ausgangspunkt des Denkens und Fühlens für die Russen.

Weißrussland, die westlichste Sowjetrepublik, traf der Krieg besonders hart. Die Gewalt verheerte das Land erst auf dem deutschen Vormarsch, dann durch Partisanenkämpfe, dann beim Vormarsch der Roten Armee. Die Erfahrung sitzt tief im Land bis heute. Das bringe Künstler in Weißrussland dazu, sich mit existenziellen Fragen zu beschäftigen, sagt Schtscherbakowa. Auch für den weißrussischen Schriftsteller Wassil Bykow (1924-2003) war der Krieg das Lebensthema.

„Sie hat einen sehr finsteren Blick auf den Menschen“, sagt Schtscherbakowa über Alexijewitsch. Auch in anderen Büchern blickte die Weißrussin auf die schlimmsten Katastrophen der Sowjetunion. Für „Zinkjungen“ (1989) sprach sie mit über 500 Veteranen des sowjetischen Afghanistan-Feldzugs und Müttern gefallener Soldaten. Genauso porträtierte sie 1997 die Überlebenden der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Als Großwerk gilt „Secondhand-Zeit“ von 2013 - eine Collage von Stimmen über die erschütternden Erfahrungen des kommunistischen Experiments in der Sowjetunion.

Alexijewitsch lebte auch in Deutschland

Eine Frohnatur sei Alexijewitsch nicht, sagt ihre Freundin Schtscherbakowa. Doch wer die Autorin in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung im Zentrum von Minsk besucht, der erlebt eine ruhige, besonnene Frau. Beim Sprechen sitze jeder Satz wie gedruckt. Alexijewitsch kann auf einfühlsame und vertrauenserweckende Art Menschen zum Sprechen bringen. Sie nimmt sich viel Zeit, zuzuhören, den anderen reden zu lassen. Dann verdichtet sie die Stimmen zu durchkomponierten Monologen, die Monologe zu großen Collagen.

Alexijewitsch wurde am 31. Mai 1948 im westukrainischen Stanislaw
(heute Iwano-Frankiwsk) geboren. Sie arbeitete nach einem
Journalistik-Studium zunächst bei einer Lokalzeitung sowie als
Lehrerin. Da sie in Weißrussland unter dem autoritären Regime von Präsident Alexander Lukaschenko öffentlich kein Gehör fand und ihre ihre Werke nicht verlegt wurden, ging sie für mehrere Jahre ins Ausland. Sie lebte auch in Deutschland.

2011 zog sie trotz ihrer oppositionellen Haltung zurück nach Minsk. „Ich will zu Hause leben, unter meinen Leuten, meinen Enkel aufwachsen sehen“, sagte sie. Außerdem sei Quelle ihres Schaffens immer das Gespräch mit den Menschen gewesen. „Und das kann ich am besten hier und in meiner Sprache“, sagt Alexijewitsch. Für die weißrussische Opposition dürfte der Preis eine Bestärkung sein. „Eine fantastische Nachricht! Ich gratuliere!“, twitterte der Oppositionelle und Ex-Präsidentenkandidat Andrej Sannikow.