CORDELIA CHATON

Die ganze Welt will ihn haben: Den Impfstoff gegen COVID-19, damit es endlich eine Rückkehr gibt zu einem Leben wie vor der Coronavirus-Krise. Einem Leben mit Umarmungen, Familie und Freunden, Tanz, Konzert und Kultur, aber auch mit Shopping, Arbeit und Zukunftsperspektiven. Deshalb investieren Staaten wie die USA zwei- und dreistellige Millionenbeträge. Dahinter steckt nicht nur der Wunsch von Trump, möglichst schnell wiedergewählt zu werden, sondern auch der der Pharmariesen, Geld zu verdienen. Trump will den USA getreu seiner Devise „America first“ ein Vorgriffsrecht für die Produktion sichern. Und das zeigt das grundsätzliche Problem.

Ist ein Medikament, das gegen eine Seuche wirksam ist, ein Gut wie jedes andere? Eines, das von börsennotierten Konzernen hergestellt wird für den, der am meisten bietet? Ist es moralisch akzeptabel, wenn sie zustimmen, ein solches Medikament nur einer bestimmten Nation zugänglich zu machen? Das ist die amerikanische Sicht der Dinge. Trump handelt aus der Perspektive amerikanischer Größe und Dominanz. Die hat es lange gegeben, doch seit dem Zweiten Weltkrieg ist sie erodiert, vor allem, weil mit der Position als Weltpolizist eine Menge moralischer und ethischer Fragen verbunden waren. Schleichend hat China, die Werkbank der Welt, die US-Schulden aufgekauft, bis es größter Gläubiger wurde, seine Währung international durchgesetzt ebenso wie viele Regeln. Heute ist die Macht von China so groß, dass es sich einen Handelsstreit mit den USA liefert. Und natürlich gibt es auch noch Russland als zwar geschrumpften, aber durchaus dominanten Machtblock.

Wer Macht hat, entscheidet. Nicht nur über Medikamente, sondern auch über Werte, das Recht auf freie Rede, die Zahl der Kinder oder den Umgang mit Minderheiten. Wer heute in Europa wohnt und sich die USA, China und Russland ansieht, wird nicht sehr versucht sein, dort ein besseres Leben zu vermuten. Eher sind es Faktoren wie ein hohes Gehalt oder Abenteuerlust, die Menschen dorthin ziehen. Europa hingegen ist ein begehrter Lebensort, wie die Flüchtlingszahlen zeigen. Nur hat es nicht so viel Macht.

Dafür herrscht hier eine andere Auffassung zum Impfstoff vor. Der solle geteilt werden. Mit allen in Europa und dem Rest der Welt, so lautet die allgemeine Auffassung. Denn ein Medikament gegen eine Seuche sei eben keines wie jedes andere. Natürlich liegt es nicht an dieser Sichtweise, dass Europa länger braucht, um Hilfsgelder für die Forschung locker zu machen und es immer wieder nationale Abweichler gibt. Der Amtsschimmel und Nationalegoismen spielen auch hier eine Rolle.

Aber Europa könnte sich in dieser Situation Verbündete suchen. Leute wie Bill Gates, die eine globale Lösung vorschlagen. Gates beispielsweise ist für sieben Fabriken für Seuchenmedikamente, die global verteilt sind und von denen mindestens die Hälfte im Stand-by-Modus arbeitet, falls die nächste Seuche kommt. Wer auch immer den Impfstoff findet, hat das neue Gold entdeckt. Ob der Umgang damit intelligenter ist als mit den Funden echten Edelmetalls in der Vergangenheit wird auch davon abhängen, wo es entdeckt wird. Wie heißt es so schön: Wenn Gold redet, schweigt die Welt.