LUXEMBURGSVEN WOHL

Ein Erfahrungsbericht zu den Bauarbeiten auf der Eisenbahnlinie 10

Der öffentliche Transport ist der Begegnungsraum für Menschen verschiedenster gesellschaftlicher Herkünfte. Zumindest behauptete das mein Soziologielehrer immer. Die Realität entspricht oft genug einer Mischung aus „Twilight Zone“ und „Akte X“. Meine alltägliche Nutzung des öffentlichen Transportes, die sich auf etwas mehr als zwei Stunden am Tag beläuft, wurde, pünktlich zur „Fouerzäit“ nochmal ausgebaut: Renovierungsarbeiten auf der Nordstrecke machten ein Umsteigen zwischen Ettelbrück und Mersch notwendig. Dadurch wurde dann auch gleich ein Mehrwert geschaffen.

Theorie und Praxis

Theoretisch sah die Lösung ganz gut aus: In Mersch, beziehungsweise Ettelbrück steigt man in einen Shuttlebus, der die jeweiligen Bahnhöfe anfährt. Dadurch entsteht, pro Fahrt, eine Viertelstunde mehr Fahrzeit. Das klingt jetzt nach wenig, doch immerhin kam der durchschnittliche Reisende aus Wiltz pro Tag auf ungefähr 160 Minuten, An- und Rückreise mitgerechnet. Zu bedenken gilt ebenfalls, dass man 15 Minuten später in der Hauptstadt und damit auch am Arbeitsplatz erscheinen würde. Wer den öffentlichen Transport also nutzt, um zur Arbeit zu kommen, der musste auf einen toleranten Chef hoffen.

In den drei Wochen wurden zahlreiche Skurrilitäten geboten. Die üblichen Verdächtigen, die Kommentarsektionen und Blogs füllen, waren natürlich auch vorhanden: Menschen, die so laut Musik hörten, dass man, obwohl man Death Metal auf ordentliche Lautstärke hört, es immer noch mitbekommt. Oder solche, die lautstark telefonieren. 50 Minuten am Stück. Wo man sich im Zug noch leicht helfen und einfach „wegziehen“ kann, ist man im Shuttlebus dieser Option gänzlich beraubt. Hier wird Gemeinschaftsgefühl nämlich noch groß geschrieben. Immerhin standen immer zwei Shuttlebusse bereit, um die Passagiere zur nächsten Station zu bringen. Diese waren meist gut gefüllt, doch die verstärkte Nähe brachte keine Änderung mit sich, was das Verhalten angeht.

Raum für Innovationen

Das sind natürlich nur die üblichen Methoden, um die Reise etwas zu versüßen. Ein relativ junger Fahrgast hatte, sehr zur Frustration von einer Kollegin und mir, die Zugreise auf psychotrope Art und Weise bereichert. Er versuchte sich als der weltbeste Air-Drummer. Dank eines Mangels an der notwendigen Koordinationsfähigkeit verschreckte er allerdings nur andere Zugfahrer, so dass das obere Stockwerk plötzlich leergefegt war. Bemerkenswert war ebenfalls, dass der junge Mann zwischen Shuttlebus und Abzug des nächsten Zuges Zeit fand, geruchsintensiv Stoff nachzuziehen. Ohne eine Reaktion der Bahnbeamten zu provozieren. So viel Organisationstalent muss ja auch mit dem notwendigen Respekt behandelt werden.

Doch wenn man die CFL für etwas loben kann, dann für die Tatsache, dass die Korrespondenzen reibungslos funktionierten. Zumindest wenn die Züge das richtige Reiseziel angaben, denn damit scheinen sie bei der Bahn beständig Probleme zu haben. Auch wenn es um die Durchsagen geht, mangelt es an Enthusiasmus. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn obwohl es immer eine Durchsage zur Umsteigesituation gab, vermittelten viele neben Informationen auch unbändige Unlust.

Dann, am Sonntag, dem 15. September, hatte der Spuk ein Ende. Die normalen Fahrzeiten sind zurück und ein wenig irritiert ist man da schon, wenn man nicht mehr in Ettelbrück oder Mersch umsteigen muss, um an sein Ziel zu kommen. So schnell gewöhnt man sich an so etwas. Aber wenigstens hat man es hingekriegt, pünktlich für die Rentrée und für die „Mobilitéitswoch“ mit den Arbeiten fertig zu sein. Damit werden die richtigen Signale gesendet.