MT SAINT MICHEL
HELMUT WYRWICH

Frankreich: Verbraucher ändern ihr Verhalten mit dem Ausnahmezustand

Frankreich hat nach zwei Wochen Ausgehverbot Schwierigkeiten. Mit den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings und mit dem Beginn der Osterferien werden die Ausnahmen des Ausgehverbotes strapaziert. Die Folge: In Paris mehren sich die Spaziergänger und die Jogger entlang der Seine-Ufer. In St. Jean de Luz, zwischen Biarritz und der spanischen Grenze, sitzen die Franzosen in Cafés und der Strand ist gut bevölkert. In den Krankenhäusern aber liegen 28.000 Kranke, 7.000 Patienten im künstlichen Koma, die nur noch mit Maschinen atmen und die Zahl der Virus-Toten liegt bei 7.500. Immerhin sind 15.000 Menschen zwischenzeitlich als geheilt aus den Krankenhäusern entlassen worden.

Die Osterferien führen in Frankreich nicht zu einer Auflösung des Notstandes. Fahrten in die Ferien sind verboten. Hinter den Zahlstellen der Autobahnen bilden sich blaue Mauern aus Uniformierten. Jedes Auto wird kontrolliert. Wer dennoch in den Urlaub in sein Ferienhaus fahren will, zahlt pro Passagier im Auto 175 Euro Strafe und muss sofort umkehren. Kinder sind nicht ausgenommen. Präfekten in den Ferienregionen verlangen von den Bürgermeistern Angaben darüber, ob Hotels belegt oder Ferienhäuser genutzt werden. Aber die Einwohner von St. Jean de Luz genießen wie Urlauber den Frühling.

Zwei Wochen des Ausgehverbotes haben das Leben in Frankreich verändert. Die Warenhaus-Kette Auchan verkauft derzeit 50 Prozent mehr Drucker und Computer. Bei Druckerpapier sind 200 Prozent mehr – 150.000 Pakete mit je 500 Blatt – aus den Regalen geräumt worden. Das ist ein Folge der Schließung der Schulen. Unterricht erfolgt über das Internet, verbunden mit Hausaufgaben. Wer darüber nicht verfügt, bekommt Besuch von der Lehrerin, die die Unterlagen vor die Tür legt. Zusätzlich gibt es Unterricht auf dem Fernsehsender France 4, im TNT Kanal 14.

Das Familienleben und auch die Küche der Franzosen verändert sich. Gesellschaftsspiele werden gesucht, Puzzles und Bücher, meldet der Kultur und Elektronik Konzern Fnac Darty. Aber auch Waschmaschinen werden gekauft, Küchenroboter oder Yoghurtmaschinen. Und: Es wird wieder gekocht. Per „WhatsApp“ zum Beispiel zeigen sich Familien ihre neuesten Küchenkreationen, vom kompletten Menu bis hin zu Kuchen.

In der Warteschlange

Es gibt eine neue Liebe zur Küche, aber auch eine verstärkte Hygiene-Aufmerksamkeit. Die französischen Fernsehsender halten die Franzosen in jeder Werbe-Unterbrechung dazu an, zeigen sogar, wie man sich am besten die Hände wäscht. Die Geschäftskette Monoprix verzeichnet einen Anstieg von 81 Prozent bei gechlorten Reinigungsmitteln, bei Spülmitteln einen Anstieg um 90 Prozent. Amazon kommt kaum noch nach mit der Lieferung von Latex-Handschuhen und von Masken. Rasiergeräte für Haare und Bärte haben Hochkonjunktur. Der Grund: Die Friseure haben geschlossen.

In Mode kommen selbst gefertigte Masken. Bunt, mit allen Arten von Motiven. Hier werden Veränderungen deutlich. Die Regierung lernt täglich dazu. Hieß es noch vor einigen Tagen, dass Masken für den täglichen Gebrauch nicht unbedingt nötig seien, heißt es nun, dass man möglicherweise nicht mehr drumherum kommt, ihr Tragen vorzuschreiben. Die Franzosen finden auch dabei ihre eigene Kreativität. Wem es bisher nicht gelungen ist, eine der weißen Masken zu „ergattern“ der macht sich eine oder lässt machen. Es wird bunt bei den Masken. In Tschechien ist das schon seit Wochen so.

Das Einkaufsverhalten an sich hat sich verändert. Waren „Drive“-Stationen bei denen man zuvor bestellte Waren einfach nur abholt, in der Vergangenheit nicht ausgelastet, so geben die Supermärkte nun Uhrzeiten an, zu denen man die bestellten Waren abholen kann. Da gibt es plötzlich Wartezeiten von mehreren Tagen. Wer persönlich einkaufen gehen will, befindet sich überall in einer Warteschlange. Bäcker, Fleischer, Tabakwarenhändler, die auch Zeitungen verkaufen und Lotto-Annahmestellen sind, lassen immer nur ein oder zwei Kunden ein. Das Ausgehverbot hat in diesen Geschäften den Verkauf von Zigaretten deutlich erhöht. Wer in seiner Wohnung eingesperrt ist, der raucht mehr. Es gibt Supermarkt-Ketten, die – wie in Deutschland – bestimmte Öffnungszeiten für das medizinische Personal reservieren. Andere öffnen Kassen nur für ältere Menschen, die als Risikogruppen gelten.

Ärger mit der Post

Wirklich ärgerlich ist das Verhalten der französischen Post. Eigentlich ist die Post dazu da, Briefe und Pakete zu befördern, oder auch als Postbank zu arbeiten. In der Kriese hat sie besonders auf dem Land zahlreiche Büros geschlossen. Briefe nimmt sie nimmt sie nicht mehr an, es sei denn des seien Einschreibebriefe oder besonders eilige mit dem Sonderdienst „Chronopost“. Briefmarken muss man beim Tabakhändler kaufen. Der Brief wird dann in einen übervollen Briefkasten geworfen. In Paris hängen Zettel an vielen Briefkästen, dass sie nicht mehr geleert werden, ganz so, als sie vom Virus befallen seien. Um ein Postamt zu finden, muss man in der Provinz bis zu 20 Kilometer fahren und sich dafür bei den Gendarmen rechtfertigen. Briefe aus dem Ausland sind bis zu zehn Tagen unterwegs. Die Briefzustellung findet nur noch mittwochs, donnerstags und freitags statt. Und in der Osterwoche ist manches „geöffnete“ Postamt nur dazu da, um Geldgeschäfte zu erledigen. Bei der Menge an Computern, die gerade gekauft werden, ist abzusehen, dass die Post mit ihrem Antiservice in der Krise einen Markt verspielt.

Die Hamsterkäufe der ersten Wochen haben ihre Spuren hinterlassen. Toilettenpapier gibt es nun wieder. Aber: Eier werden rar, die Hühner legen nicht so schnell wie ihre Eier verkauft werden. Bestimmte Mehlsorten werden rar. Kunden greifen notgedrungen auf Eigenmarken des Handels zurück. Die Schafzüchter in den Buchten der Somme und des Mont St. Michel sind nicht froh. Die Lämmer scharen sich auf den Wiesen mit dem salzigen Gras um ihre Mütter. Aber: Das Osterfest fällt als Familienfest aus, weil Familienfeste untersagt sind. Das wiederum bedeutet, dass Lammfleisch bedeutend weniger verlangt wird weil die Fleischer weniger schlachten, und die Käufer nicht vorhanden sind. Die Lämmer dürfen leben bleiben. Der Züchter verdient kein Geld. Die Coronavirus-Krise beschert jedem seine eigenen Sorgen.