NORA SCHLEICH

Verantwortung auf Abwegen

„Wer urteilt, urteilt als Mitglied einer Gesellschaft“, meinte einst die Philosophin Hannah Arendt. Ein Urteil versteht sich hier als verbale Äußerung, die darauf abzielt, einen Sachverhalt sprachlich verständlich zu machen. So soll er für unser Umfeld zugänglich werden, von der Gesellschaft aufgesogen und deren Verwertung hingegeben werden. Dem Urteil geht, so will es das Ideal, das Denken voran. Unser gedankliches Leben hängt eigentlich an sich gesehen doch eher weniger vom Verständnis der Anderen ab, sobald wir es aber in eine Form zu bringen versuchen, aus der sich eine Mitteilbarkeit für das Gegenüber ergibt, eröffnet sich uns der Weg in eine ganz neue Welt.

Die Welt, in der wir nicht einzelne denkende Wesen sind, sondern Mitglieder in einer Gesellschaft. Warum gilt der sprachliche Ausdruck als Verankerung? Warum werden wir dadurch Teil einer Gemeinschaft? Nun, mit jedem von mir geäußerten Satz, der von einer anderen Person aufgenommen wird, übernehme ich eine Verantwortung. Indem ich mein gedankliches Gut für die Öffentlichkeit erkennbar mache, bin ich unmittelbar verantwortlich dafür, was den Inhalt dieses mentalen Pakets angeht. Natürlich könnte man hier beanstanden, dass Fehlinterpretation und Missdeutungen, für die man nicht immer etwas kann, gang und gäbe sind, aber ich erlaube mir, diesen Umstand der Stoßrichtung der Diskussion zuliebe heute außen vor zu lassen.

Meine Gedanken kreisen viel eher um die Art Verantwortung, die einem politischen Urteil einhergeht. Man ist hier nämlich nicht nur als Urteilender Teil einer Gesellschaft, man urteilt sogar über gesellschaftliche Strukturen - über die Funktionsweise jener Strukturen der Polis, denen man auf der einen Seite selbst angehört und die man, auf der anderen Seite, einer analytischen Betrachtung unterzogen hat oder haben sollte. Darüber hinaus soll das politische Urteil auch verankern und Wirkung zeigen, sein Ausdruck soll einen Einfluss haben, wie es das Leitmotiv eines jeden Urteilenden ist - andernfalls wäre die Mühe der Äußerung redundant.

Betrachten wir nun das Unmaß an politischen Urteilen, Phrasen und Kundgebungen, die uns alltäglich erreichen. In Zeiten der Wahn-Kämpfe gibt es unzählige Beispiele, die belegen können, dass sogar diejenigen, die ihres Zeichens als Vertreter der Gesellschaft gelten sollten, sich der eigentlichen Wirkung ihres Urteilens nicht in aller Gänze bewusst zu sein scheinen. Hat man als Politiker nicht seinen Äußerungen ein deutliches Mehr an Verantwortung voranzustellen? Sollte hier nicht auch die bestmögliche Objektivität federführend sein, die eigenen Interessen hintenangestellt werden und der eigentliche Fokus tatsächlich auf der Analyse des gesellschaftlichen Umfeldes beruhen?

Sollte man nicht als politischer Repräsentant eben dieser reflektierten Distanz mächtig sein? Mit der Übernahme des öffentlichen Amtes sollte eigentlich deutlich werden, dass eine Spaltung der Gesinnung notwendig ist. Und zwar in dem Sinne, dass man seinen subjektiven Anliegen im Privaten zwar sehr wohl nachgehen darf, diese als Person der Öffentlichkeit jedoch keineswegs als Antrieb seines objektiven politischen Waltens zulassen darf. Es darf nicht vergessen werden, dass man in einem solchen Amt schließlich im Namen einer Gemeinschaft urteilt und handelt.

So sollte das politische Urteil einer öffentlichen Person doch garantieren, dass der Urteilsfällung eine gründliche Reflexion eines Menschen vorangegangen ist. Eines Menschen, der sich in einer Position versteht in der Logik, absolute Objektivität und Perfektibilität des gesellschaftlichen Stands als oberste Prinzipien herrschend sein müssen. Verschafft sich aber ein notorischer, toupierter Lügner und Bluffer oder gar ein eiskalter Erdo-Egoman Gehör über die politische Frequenz, kann das Urteil seine eigentlich doch edle Wirkung nur verfehlen.

Halten wir uns diese wesentlichen Grundlagen des politischen Urteils jedoch stets vor Augen, wird deutlich, dass die Fällung eines sinnvollen und positiv wirksamen Urteils eine gewisse mentale Reflektiertheit und kognitive Reife voraus zu setzen hat, die einigen berühmt berüchtigten politischen Akteuren jedoch offenkundig zu fehlen scheint.