LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Digitale Vernetzung wird zu DEM Fahrzeug-Feature

Was unterscheidet ein modernes Auto von einem Smartphone? Man kann drin sitzen und es bewegt sich von A nach B. Features, die ein Smartphone noch nicht bieten kann. Ansonsten ist der Unterschied kaum spürbar.

Heute ist das Auto digital vernetzt – ursprünglich nur als Teil des Unterhaltungsprogramms gedacht. Was mit dem iPod begann, über den Weg der Streaming-Dienste direkt ins Autoradio – sorry – Entertainmentcenter weiterging, hat sich zu einer Vernetzung mit Herstellern, Werkstätten und anderen Verkehrsteilnehmern entwickelt.

Das Idealziel ist ein Auto, das über einen Nahbereichssender mitteilt: „Hallo hier komm ich. Ist jemand hinter der nächsten Kurve?“

Natürlich ist das Ganze auch keine Frage der Klasse mehr. „Connectivity“ kann heute jeder Kleinwagen. Gespräche mit dem Auto, wohlgemerkt „mit“, beschränken sich derzeit noch auf die Premiumhersteller wie BMW oder Mercedes. Bei den Autos aus Stuttgart aktiviert man das System mit einem fröhlichen „Hey Mercedes“ – den pseudojugendlichen Ton muss man mögen – und dann erzählt einem die Stimme aus dem Instrumententräger oder dem Wide-screen wo man den nächsten Edel-Italiener findet.

Für über die Hälfte der Neuwagenkäufer ist der Internetzugang ein Kriterium beim Autokauf. Mit Apple Carplay oder Android Auto wird aus dem Fortbewegungsmittel eine Fortsetzung des Smartphones, die Verknüpfung mit Google-Maps ist da natürlich nur noch ein Klacks. Zu den mittelfristigen Zielen der Vernetzung zählt auch die Kommunikation zwischen Auto und Werkstatt. Der Wagen gibt die notwendige Inspektion (Revision) weiter oder meldet einen Fehler gleich in die Werkstatt, die den unter Umständen überraschten Autohalter dann zu einem kostenpflichtigen Besuch einlädt. Das Stichwort lautet Kundenbindung.

Die car-to-car Kommunikation kann Stau oder Unfallmeldungen weitergeben, auch mit einem Rettungsgassenassistenten wird schon experimentiert. Das Ambulanz- oder Feuerwehrfahrzeug teilt den vor ihm fahrenden Fahrzeugen den Ruf nach einer Rettungsgasse direkt ins Entertainmentsystem mit. Die Sache ist insofern kein Problem, weil dafür die Technik des Rettungssystems eCall genutzt werden kann. Audi hat derzeit einen Versuch laufen, indem sich Fahrzeug und Verkehrsampel per Vernetzung aufeinander abstimmen.

Hersteller können in Zukunft Sonderausstattungen in ihre Autos einbauen, auch wenn sei der Kunde nicht bestellt hat, der vereinfachte Herstellungsprozess reduziert dennoch die Kosten. Hat der Kunde irgendwann dann doch Lust auf die Ambiente-Beleuchtung, kann er diese Zusatzfunktion online bezahlen und online aktivieren lassen. Selbst Leistungssteigerungen des Motors sind auf diesem Weg möglich.

Tesla verspricht seinen Kunden sogar, über Nacht ein ganz neues Betriebssystem auf deren Autos überspielen zu können.

Die Vernetzung ist schon mehr als ein Trend, sie ist die Zukunft. Die Zulassungszahlen für „Connected Cars“ steigen weltweit rapide an, ebenso wie die Umsätze in dem einstigen Nischenmarkt.

Connected cars erzählen viel über ihre Besitzer

Schöne neue Welt?

Der deutsche ADAC, der ganz große Bruder des ACL, hat vor einigen Tagen eine Stichprobe über vernetzte Fahrzeuge vorgestellt. Testkandidaten waren eine Mercedes B-Klasse mit „me connect“ und ein vollelektrischer Renault Zoe. Das Ergebnis erschreckt: Bei der Mercedes B-Klasse wurden folgende Daten gefunden: Etwa alle zwei (!) Minuten werden die GPS-Position des Fahrzeugs sowie Statusdaten an das Mercedes-Backend übertragen (z.B. Kilometerstand, Verbrauch, Tankfüllung, Reifendruck und Füllstände von Kühlmittel, Wischwasser (!) oder Bremsflüssigkeit), die Zahl der Gurtstraffungen wird gespeichert, etwa aufgrund starken Bremsens. Fehlerspeicher-Einträge werden teilweise mit Informationen über zu hohe Motodrehzahl abgelegt (beides  erlaubt Rückschlüsse auf den Fahrstil). Die gefahrenen Kilometer auf Autobahnen, Landstraßen und in der Stadt werden getrennt gespeichert. Die Betriebsstunden der Fahrzeugbeleuchtung  und die letzten 100 Lade- und Entladezyklen der Starterbatterie werden mit Uhrzeit und Datum sowie Kilometerstand erfasst.
Der Renault Zoe ist laut ADAC ein „gläsernes“ Auto. Das Aufladen der Antriebsbatterie kann von Renault via Mobilfunkverbindung jederzeit unterbunden werden, etwa bei nicht bezahlter Leasing-Rechnung. Renault kann beliebige Informationen vom CAN-Datenbus des Fahrzeugs via Mobilfunkverbindung mitlesen. Diese Ferndiagnose kann vom Hersteller jederzeit aktiviert werden. Bei jeder Fahrt, spätestens jedoch alle 30 Minuten, wird ein Datenpaket an Renault gesendet, das mindestens enthält: Fahrgestellnummer, Seriennummern, Datum, Uhrzeit, GPS-Position, Temperatur, Ladung und Zellspannung der Hochvolt-Antriebsbatterie. Der Informationszugriff von Renault auf den Renault Zoe kann via Mobilfunkverbindung beliebig erweitert werden.