LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Zum dritten Mal nach einer hundertjährigen Pause ist ein Wolf in Luxemburg unterwegs. Anhand von genetischen Spuren an seinen Opfern dokumentiert. Natürlich kein Freudentag für den Schafhalter, aber die Umstände belegen eines: Der Wolf ist ein scheuer Geselle. Noch freuen sich die meisten über dieses Zeichen der natürlichen Wiederbelebung unserer Fauna. Noch.

Wölfe gehören zu den Gewinnern der Wende in Osteuropa. Ihnen stehen seit 1990 weder Stacheldraht noch Minenfelder im Weg. Seitdem wandert der Tieflandwolf von Polen aus immer weiter nach Westen; genauso wie Elche aus dem Baltikum und Goldschakale vom Balkan.

Die meisten nachgewiesenen Wolfsrudel in Deutschland leben auf Truppenübungsplätzen. Die cleveren Tiere haben schnell herausbekommen, dass der Kanonendonner nicht ihnen gilt und dass Menschen dort nur selten auftauchen. Alle neu zugewanderten Wölfe leben in einsamen Gegenden. Das ist nicht anders bei den Wölfen, die die Alpen von Slowenien bis Frankreich bevölkern.

Doch wehe sie tauchen in Menschennähe auf und etablieren sich zivilisationsnah. Dann bricht umgehend das Rotkäppchen-Syndrom aus. Der Wolf ist böse, er stiehlt das Vieh, verschleppt kleine Kinder und frisst alte Leute. Die Geschichten der Brüder Grimm, eingepflanzt in Kinderhirne, überstrahlen jede Vernunft – selbst in uralten Akten finden sich keine Belege für Angriffe auf Menschen. Das mag im dreißigjährigen Krieg anders gewesen sein, als Menschen und Wölfe hungernd umherzogen.

Es gibt mittlerweile Wolfsbeauftragte für die Rückkehrer. In Luxemburg gibt es einen Plan zum Wolfsmanagement. Die Sorgen von Schäfern und Haltern von Freilandgeflügel sind berechtigt, aber dafür gibt es finanzielle und praktische Abhilfe. Herdenschutzhunde haben anders als Schäferhunde nicht die Herde, sondern die Umgebung im Blick und lehren den Wolf Mores. Der neue alte Waldbewohner müsste eigentlich kein Streitthema sein.

Wären da nicht die Hysteriker: Eine kleine erzkonservative Jäger-Fraktion: „Der Wolf muss weg!“, dann die Blöd-Zeitung, die aus jedem streunenden Hund einen Wolf macht und, man fasst es kaum, die faschistische AfD, die sich in Ostdeutschland als Anti-Wolf-Partei etabliert hat. Motto: „Ausländer raus, auch vierbeinige!“

Wer denkt die Wolfshysterie sei auf die östlichen Nachbarn begrenzt, täuscht sich. Vor allem in den französischen Pyrenäen tobt ein irrationaler Kampf zwischen Schafzüchtern einerseits und Regierung und „Ecolos“ andererseits. Wenn der Wolf kommt, setzt das Hirn aus.

Der WWF nennt etliche Beispiele wie europäische Raubtiere und Landwirtschaft nebeneinander existieren und die EU setzt sich mit dem Programm LIFE EuroLargeCarnivores bewusst für die europäischen Räuber Bär, Wolf, Luchs und Vielfraß ein.

Erfahrungen aus amerikanischen Nationalparks zeigen, dass es einen großen Nutznießer der Rückkehr der Wölfe gibt – den Wald. Während hierzulande jeder junge Baum mit Plastik und Draht geschützt werden muss, halten dort die Wölfe die Population an Rot- und Rehwild klein.

Irgendwann wird ein Wolfsrudel auch hierzulande sesshaft werden – hoffentlich ohne Rotkäppchen-Syndrom.