Die Preise im Euroraum gingen im Dezember erstmals seit dem Krisenjahr 2009 wieder zurück. Die jährliche Inflationsrate betrug Ende 2014 minus 0,2 Prozent, wie die Statistikbehörde Eurostat gestern in einer ersten Schätzung mitteilte. Das heißt, die Preise steigen nicht, sondern gehen insgesamt zurück.
Im Oktober 2009 hatte die Teuerungsrate in der Eurozone minus 0,1 Prozent betragen, im September 2009 minus 0,3 Prozent. Seitdem lag die Rate laut Eurostat stets im positiven Bereich.
Im Eurogebiet mit nun 19 Ländern wird schon länger eine Deflation - eine Abwärtsspirale aus rückläufigen Preisen und schrumpfender Wirtschaft - befürchtet. Der Druck auf die Europäische Zentralbank steigt damit, denn sie sieht eine Preisstabilität bei einer Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent gewahrt. So will die Notenbank ein Abrutschen in eine Deflation verhindern. Zudem hat EZB-Präsident Mario Draghi betont, ein sehr geringer Preisauftrieb sei schlecht für Schuldner: „Ist die Inflation niedrig, sinkt der reale Wert der Schulden von Staaten und Unternehmen langsamer.“ Dadurch werde der Schuldenabbau erschwert. Draghi zeigt sich darum entschlossen, sich gegen Mini-Inflation und Konjunkturflaute zu stemmen.
Die Vorbereitungen für ein breit angelegtes Anleihenkaufprogramm („Quantitative Easing“/QE) laufen. Erster Termin für einen Beschluss des EZB-Rates wäre der 22. Januar. Befürworter hoffen, dass der Erwerb von Unternehmens- und Staatsanleihen durch die Notenbank die Wirtschaft ankurbelt - und zugleich die Inflation wieder in Richtung des EZB-Zieles von knapp unter 2,0 Prozent befördert.
Sinkende Energiepreise
Die Ursache des derzeitigen Rückgangs der Inflationsrate ist leicht auszumachen: Die Energiepreise gingen im Dezember im Euroraum um 6,3 Prozent zurück, im Vormonat waren es noch minus 2,6 Prozent gewesen. Die Preise für Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak stagnierten zum Ausklang des Jahres (0,0 Prozent), was an den unverarbeiteten Lebensmitteln, also Obst und Gemüse lag, die wegen des russischen Embargos im Überfluss auf dem Markt sind, was deren Preis um ein Prozent nach unten drückte. Bei Dienstleistungen gab es sogar einen leichten Anstieg von 1,2 Prozent.
Hauptursache für die „Negativinflation“ im Dezember ist nach Daten von Eurostat mithin vor allem der sinkende Ölpreis. Das wirkt allerdings eher belebend auf die Konjunktur, während bei Deflation ja laut Definition erwartet wird, so die Theorie, dass Verbraucher und Unternehmen Anschaffungen und Investitionen aufschieben - denn es könnte ja bald noch billiger werden. Mögliche Folgen: Die Wirtschaft friert ein. „Der massive Rückgang der Rohölpreise ist ein Segen für die lahmende Konjunktur im Euroraum“, erklärt denn auch Commerzbank-Ökonom Christoph Weil.
Da Verbraucher deutlich weniger für Benzin und Heizöl bezahlen, haben sie mehr Geld für andere Käufe in der Tasche. Auch Unternehmen könnten sich freuen, weil dank der niedrigeren Energiepreise ihre Produktionskosten sinken, betont Weil: „Per saldo erhöht ein dauerhafter Rückgang der Rohölpreise um 50 Prozent das Wirtschaftswachstum im Euroraum auf Jahressicht um knapp 0,5 Prozentpunkte.“


