LUXEMBURG-STADTGILLES SCHREINER

Rückblick auf ein seltsames Gastronomie-Erlebnis im Restaurant „Ennert de Steiler“

Wurden Sie schon mal von einem finster wirkenden, altertümlich gekleideten und stillschweigenden Paar daran gehindert, Ihre Mahlzeit zu sich zu nehmen? Kaum vorstellbar. Oder saßen Sie schon einmal gemeinsam an einem Abendtisch mit einer babyverschlingenden Mutation aus halb Mensch, halb Tier? Unvorstellbar. „Ennert de Steiler“, ein wohl bekanntes Etablissement im Herzen der großherzoglichen Hauptstadt, bot seinen Gästen am 11. und 12. September ein Erlebnis der außergewöhnlichen Art an. Mirel und Cizek, so die Namen der Performancekünstler aus dem benachbarten Hexagon, tauchten mit den Besuchern in eine Scheinwelt ein, in der die Wahrnehmung der Teilnehmer bis auf das Äußerste gefordert wurde.

Reden ist Silber

Als das Paar wie aus dem Nichts auftauchend durch den unteren Raum der alternativen Szene-Bar schlich, stockte so manchem Gast der Atem. Mit bösem Blick und düsterer Miene wanderten Sie von Tisch zu Tisch, studierten die Kunden und starrten sie minutenlang an, als wollten sie ihnen mitteilen: „Ihr seid hier nicht erwünscht“. Während dieser kurzen Eingewöhnungsphase herrschte absolute Stille im Raum und als die Performer wieder gen Treppe schlenderten, wirkte die Gesellschaft irgendwie erleichtert, obwohl sie bereits in den Bann des undefinierbaren Universums gezogen wurde.

„Les Diners d’Idier“

Als die Kunden das Restaurant im obersten Stock betraten, wurde jedem bewusst, wer hier der Gastgeber ist. „Les Diners d’Idier“ nennen die aus der Grenzregion Lothringen stammenden Artisten ihr Show Dinner. Idier? Keine Idee? Ein finsteres Hybrid, fast menschengroß, der Kopf eines Wildschweins, schick gekleidet und mit einer Pistole bewaffnet, saß ganz ungeniert an dem Tisch unserer Performancekünstler. Jawohl, Idier lud zum Essen ein, allerdings nicht die übliche menschliche Klientel, sondern seine gleichrassigen Freunde, Elcrocc, Imuzz, Itail und wie sie alle heißen, erschaffen von Mirel und Cizek, die beiden einzig tolerierten menschlichen Gestalten, sozusagen die Kreateure der Kreaturen. Und beide boten eine erstklassige künstlerische Performance, so dass die Hybride eigentlich zweitrangig erschienen. Schweigend bis zur letzten Sekunde, angsteinflößend in ihren Blicken und unberechenbar in ihren Handlungen, begaben sie sich von Tisch zu Tisch, stahlen einigen „Unerwünschten“ ihr hervorragendes Essen, bedienten sich ihrer Getränke, spielten Karten oder rauchten genüsslich ihre Zigarre. Das unheimliche Ambiente, hinterlegt von düsterer Musik, die einen an die Vorbereitung einer epischen Schlacht in Herr der Ringe erinnerte sowie die noch immer vorhandene Ehrfurcht vor den manchmal lebendig wirkenden menschenfressenden Hybriden trugen dazu bei, dass „Les Diners d’Idier“ zu einem unvergesslichen Erlebnis wurde. Auf jeden Fall vollbrachten Mirel und Cizek das Kunststück, den Besucher in einer transzendentalen Welt schweben zu lassen. Mission: complete, und noch darüber hinaus, denn sozialkritische Gedankengänge über den Umgang der Menschheit mit der Tierwelt konnten nicht verborgen werden.