PATRICK WELTER

„Er ist ein Schweinehund, aber er ist unser Schweinehund.“ Die Urheberschaft ist umstritten, einer der beiden Roosevelts oder Dwight D. Eisenhower haben als US-Präsidenten diesen Satz der Welt geschenkt. Der „Schweinehund“ ist aber bekannt: Einer aus der Diktatoren-Dynastie Somoza, die jahrzehntelang Nicaragua brutal ausbeuteten. Jede wusste, es waren miese brutale und mörderische Schweine - aber treue Verbündete der USA.

Liebe Moralisten, auch wenn es Euch gruselt, das Schweinehund-Axiom ist die Grundlage der Diplomatie in einer bi- oder tripolaren Welt. In der besten aller denkbaren Welten würde niemand mehr mit MbS „Mister Bone Saw“ aka Mohammed bin Salman ein Wort wechseln. Wenn auch nur die Hälfte von dem stimmt, was über den mörderischen Umgang der Saudis mit Oppositionellen erzählt wird, ist die Bezeichnung „Schweinehund“ noch geschmeichelt. Das wird aber nichts dran ändern, dass es nach ein paar Wochen Karenzzeit zurück zum Tagesgeschäft mit den saudischen Milliarden geht. Natürlich nicht, ohne dass ein paar Bauernopfer in Riad öffentlich einen Kopf kürzer gemacht werden. Offiziell wegen eines „ausgearteten Verhörs“, in Wahrheit wegen des Verstoßes gegen das 11. Gebot „Du sollst dich nicht erwischen lassen.“

Der mörderische Krieg der Saudis im Jemen hat schon vorher niemanden davon abgehalten, die Prinzen aus Riad als den Stabilitätsanker in der Region zu betrachten. Für Washington zählt, dass die bigotten Saudis die nicht minder bigotten Iraner hassen und ihnen die Rolle der Regionalmacht streitig machen. Hinzu kommt die erwartete Achse Riad-Jerusalem.

Auch die andere Feldpostnummer arbeitet so. Zar Putin ist klar, dass Bashar al-Assad, Vater der Fassbombe, ein erstklassiger Schweinehund ist. Für eine Marinebasis am Mittelmeer schützt man auch einen blutbesudelten Schlächter. Selbst den Israelis ist ein mörderischer Assad lieber, als irgendwelche proiranischen Hilfstruppen auf dem Golan.

Der nahe bis mittlere Osten ist seit Jahrzehnten ein geostrategisches Spielfeld, auf dem es von großen und kleinen Schweinehunden nur so wimmelt. Streng nach moralischen Maßstäben dürften die westlichen Demokratien in dem riesigen Gebiet zwischen Atlantik und kaspischen Meer nur mit einer Handvoll Staaten kooperieren. Da sind Tunesien und der Libanon, instabil aber halbwegs demokratisch und der Oman, der sich aus allem raushält, dazu noch die Türkei und Israel, parlamentarische Demokratien, leider mit negativen Tendenzen. Dann bleiben noch die Monarchien, autokratisch aber ohne Terror regiert. Der Rest des nordafrikanisch-vorderasiatischen Raums wird von kleinen und großen Schweinehunden beherrscht. Theokraten, Gotteskrieger, Kleptokraten, Scheindemokraten, Militärdiktatoren, Warlords und Ultrareaktionäre -lupenreine Schweinehunde. Trotzdem ringen Russen, USA, Chinesen und die EU darum, soviel Einfluss wie möglich zu haben. Im Grunde schon seit hundert Jahren. Außer für die Kopfabschneider des IS gilt für den Umgang mit allen anderen Lokalfürsten die Devise: „Der Typ ist ein Schweinehund? Egal, Hauptsache er ist unser Schweinehund.“ Genauso definiert sich Realpolitik. Zynisch? Vielleicht...