LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Die Tram außer Kontrolle

Es gibt zahlreiche Problemfragen, die hinsichtlich der luxemburgischen Tram die Gemüter erhitzen und Debatten und Diskussionen anfeuern. Vor- und Nachteile werden seit Jahren auf- und abgewogen, die Lager der Befürworter und Gegner bleiben aber nach wie vor gespalten. Ich hoffe, Sie haben noch nicht weitergeblättert, denn, Überraschung, heute geht es gar nicht um unsere Tram. Obwohl, zutreffen könnte das Szenario, welches hier nun rekonstruiert werden soll, wohl auf jede Straßenbahn.

Der britischen Tugendethikerin Philippa Foot (1920-2010) ging es um die Analyse ethischer Debatten. Sie beschäftigte sich vorwiegend mit der Diskrepanz zwischen Moral und Rationalität, Werten und Tatsachen. Ein besonders anschauliches Gedankenexperiment, welches die moralischen Dilemmata hervorheben sollte, ist das sogenannte Straßenbahn-Problem. Das Anfangsszenario könnte als packende Eröffnungsszene eines Actionthrillers gehandelt werden: Die Tram gerät außer Kontrolle und rast mit bahnbrechender Geschwindigkeit die Schienen entlang. Auf eben diesen vor ihr liegen fünf Personen gefesselt, unmöglich sich zu bewegen oder sich vor der herannahenden Bahn in Sicherheit zu begeben. Glücklicherweise könn(t)en die Weichen umgestellt werden, sodass die Bahn auf einem anderen Gleis weiterfahren würde. Allerdings ist auf dieser Schiene eine andere Person festgebunden, die dann dem Tode geweiht wäre. Was ist nun richtig? Darf ein Menschenleben für fünf andere geopfert werden? Wie beantworten Sie diese Frage? Man könnte sagen, dass, nach dem utilitaristischen Prinzip, es legitim sei, das Wohl von fünf Menschen zu sichern, weil im Gegenzug nur einem einzigen Menschen Leid zugefügt würde. Die meisten Menschen scheinen bereit, dieser Auffassung zuzustimmen. Verändern wir allerdings das Verhältnis, kommt Unsicherheit auf: Was, wenn ‚nur‘ zwei Personen auf Gleis A liegen würden? Interessant ist auch, wie schnell der Weichenumstellung zugestimmt wird, wenn wir das Verhältnis auf 1:1000 erhöhen. Stellen Sie sich vor, die unglückliche ‚Eins‘ wäre Ihr Sohn, was dann? Oder was, wenn die zu opfernde Person ein weltbekannter Arzt ist, der mit seinem Wissen tausende Patienten heilen könnte?

Judith Jarvis Thomson (geb. 1929), ihrerseits amerikanische Moralphilosophin und Metaphysikerin, brachte noch einen weiteren äußerst interessanten, gleichwie problematischen Aspekt bezüglich dieses Dilemmas und des eben erwähnten Lösungsvorschlages hervor. Das Gedankenexperiment wird nun etwas abgeändert. Zwar ist die Tram noch immer nicht kontrollierbar und jagt auf die festgebundenen Fünf zu. Oberhalb der Gleise verläuft eine Brücke, auf der eine relativ füllige Person steht. Auf jeden Fall dick genug, um den Zug, würde man sie auf die Gleise schubsen, anhalten zu können. „Das darf man doch nicht!“, wird jetzt so manch einer denken. Ach nein? Auch nicht, wenn fünf Menschen dadurch gerettet werden könnten? Beim ersten Szenario ist man sich noch einigermaßen sicher, dass es irgendwie vertretbar wäre, die Weichen umzustellen und eine Person dem Leben der anderen fünf zu opfern. Das rationale Problem (fünf gegen eins) wird nun zum emotionalen Problem (darf man töten?). Woher kommt diese Diskrepanz in der moralischen Gesinnung? Zum einen ließe sich diese dadurch erklären, dass wir im ersten Fall selbst nicht an der Person handeln müssen. Die Personen liegen, aus welchem Grund auch immer, nun mal bereits festgebunden auf den Schienen. Wir wirken auf die Mechanik, auf die Weichenstellung, und schubsen nicht aktiv einen anderen Menschen in den Tod. Des Weiteren könnte unsere Neigung, die eine Person im Falle Eins zu opfern, auch dadurch erklärt werden, dass diese Person ja ohnehin bereits im Horrorszenario involviert ist. Die Person auf der Brücke jedoch eigentlich überhaupt nicht.

Die neuzeitliche Sparte der Neuroethik befasst sich unter anderem mit der Anbindung neurowissenschaftlicher Erkenntnisse an Themenfelder der Moral, zum Beispiel Verantwortung, Pflicht, Tugend oder Personalität. Es gilt zu erklären, inwiefern sich moralische Gesinnungen anhand grundlegender Gehirnmechanismen deuten lassen. Ist es vielleicht nur anhand solcher Hirnstudien ausreichend zu belegen, weshalb eine Diskrepanz zwischen der moralischen Entscheidungsfindung in beiden eben erwähnten Fällen herrscht?

Foots Beispiel und Thomsons Weiterführung können wichtige Debatten anstoßen, die nicht nur bezüglich spezifischer Straßenbahn-Szenarien akut sind. Analogien gibt es mit Sicherheit auch in Sachen Enteignung, Obergrenze, Embryonalforschung, Todesstrafe. Wie dem auch sei, hoffentlich hat die heutige Geschichte Ihnen nicht die Lust verdorben, in die Tram zu steigen. Alles nur philosophische Fiktion, abstrakte Kaspereien.... oder eben doch nicht.