LUXEMBURG-BEGGEN
PATRICK WELTER

Alzette-Verschmutzung: Bürgermeisterin Polfer erläuterte Abläufe in der Kläranlage Beggen

Zwanzig Stunden lang liefen nur grob geklärte Abwässer der Stadt Luxemburg in die Alzette und töteten auf einer Strecke von Beggen bis Steinsel alle Fische. Nicht nur die kleinen, auch die großen. Tote Fische wurden noch in Mersch beobachtet. Über die Folgen der Einleitung des Abwassers hat das „Journal“ gestern schon berichtet. Aus der Kläranlage ist kein tödliches Gift im chemischen Sinne ausgelaufen, die schiere Menge der Haushaltsabwässer - vom Spülwasser bis zur Toilettenspülung - hat dem Sauerstoffgehalt der Alzette auf null gedrückt und zum Fischsterben geführt.

Soweit die bisher bekannten Fakten. Doch wie kam es dazu? Gestern informierten Hauptstadtbürgermeisterin Lydie Polfer, zusammen mit der Infrastrukturschöffin Simone Beissel und dem Direktor des Wasserwirtschaftsamtes Jean-Paul Lickes gemeinsam mit der technischen Leitung der Kläranlage Beggen über die Ereignisse am Freitag, dem 13. und Samstag, dem 14. September.

Lydie Polfer betonte ihre Bestürzung über diesen Vorfall und dass die Stadt Luxemburg auf jeden Fall für den entstandenen Umweltschaden aufkommen will. Bis auf ein - entscheidendes - Detail ist der Ablauf am Abend des 13. September geklärt. Was zunächst als Computerpanne begonnen hatte, entwickelte sich danach völlig unbemerkt zum Umweltunfall. Erst am Nachmittag des 14. September waren dann Meldungen über das Fischsterben in der Alzette eingegangen. Erst am frühen Abend wurde das Klärwerk als Schadensquelle identifiziert. Eine gute Stunde später konnte die Einleitung gestoppt werden.

Die Techniker schilderten den Ablauf im Detail und wiesen dabei darauf hin, dass das Klärwerk Beggen mit einer Kapazität zur Verarbeitung von 200.000 Einwohnergleichwerten ein vollautomatischer hochkomplexer Betrieb ist, der über eine industrielle SPS-Computeranlage gesteuert wird, alle Computersysteme sind doppelt ausgelegt. Besetzt ist die Anlage nur zu den üblichen Bürostunden. Außerhalb dieser Zeit werden Fehlermeldungen automatisch einem Bereitschaftsdienst übermittelt.

Chronologie

Am Freitagabend (18.15) wurde auf diesem Weg ein Computerfehler gemeldet, um 18.30 traf ein erster Techniker in Beggen ein. Nach Rücksprache mit seinem Vorgesetzten wurde ein Computertechniker hinzugezogen, der das System auf Fehler überprüfte. Dabei wurden unklare Störungen festgestellt und - ganz klassisch - durch einen Neustart des betreffenden Rechners behoben. Um 22.00 verließen die Techniker die Anlage.

Am Samstag um 18.17 wurde das Werk über die offensichtliche Fehlfunktion informiert. Ab 18.45 wurde dann fieberhaft nach der Fehlerquelle gesucht, die schwer zu finden war. Es gab immer noch keinen internen Alarm oder eine Störmeldung der Anlage. Erst als auffiel, dass der Wasserstand in einem der Klärbecken extrem niedrig war, konnte die Fehlerquelle gefunden werden: Der Schieber 103 stand zu einhundert Prozent offen. Um 20.00 konnte der Schieber geschlossen werden.

Innerhalb zwanzig Stunden waren auf diesem Weg 20.000 Kubikmeter Schmutzwasser in die Alzette geflossen. Immerhin war der Fehler erst nach dem Rechen, der das Wasser von grobem Schmutz von mehr als drei Millimetern Größe reinigt, und nach dem Sandfang aufgetreten.

Das „tote Rohr“ wurde aktiviert

Der Schieber 103, der zu einem Bypass führt, der ursprünglich für extreme Wetterereignisse gedacht war, wurde vor zweieinhalb Jahren still gelegt. Daher war seine Bedienung von automatischen auf manuellen Betrieb umgestellt. Auf Nachfrage bestätigte ein Techniker, dass es sich um ein „totes Rohr“ handelte - außer Betrieb. Was wohl auch erklärt, dass es dort keinen Störungssensor gab. Simone Beissel brachte es auf den Punkt „Wir haben hier 500 Alarmsensoren, der 501. fehlte.“ In Zukunft werden alle Einleitungsstellen mit unabhängigen Echtzeitsensoren ausgestattet

Seit Samstagabend läuft im Beggener Klärwerk die Fehleranalyse. Dabei wurde zunächst festgestellt, dass es kein Fehlverhalten der Mitarbeiter gab. Außerdem ist der Schieber von außen nicht zugänglich, was Dritte als Ursache wohl ausschließt. Es stellte sich aber heraus, dass der Computer, der am Freitagabend auf Grund von Störungen neu hochgefahren wurde - einfach formuliert - auf die „Werkseinstellung“ zurückgesprungen ist. Dabei wurde der Schieber 103 von manuell auf Automatik geschaltet - was aber immer noch nicht erklärt, warum das System dann gegen 22.00 die automatische Öffnung des Bypasses veranlasst hat. Hier suchen die Techniker in Beggen noch nach einer Erklärung.

Wie hoch sich der Umweltschaden beziffert, ist jetzt noch nicht feststellbar und wird auch nicht auf den letzten Euro zu errechnen sein. Trotz allen Einvernehmens wird es jetzt ein gesetzlich vorgeschriebenes Verfahren zwischen dem Wasserwirtschaftsamt und der Stadt Luxemburg geben, um die Schuldfrage und die Entschädigung formal zu klären.