COLETTE MART

Seit mehreren Wochen prägt die Wachstumsdebatte die Luxemburger Öffentlichkeit. In diesem Kontext wird die Frage aufgeworfen, ob es sinnvoll und machbar ist, jedes Jahr 10.000 zusätzliche Arbeitsstellen und 14.000 Einwohner mehr in unserem kleinen Land anzusiedeln. Darüber hinaus steht die Frage im Raum, ob denn nicht ein politisch gesteuertes Wachstum, mit Augenmerk auf ökologische Nachhaltigkeit, möglich wäre.

Hierzu wäre zu sagen, dass Luxemburg in der Welt keine Insel ist, auch wenn wir das durch unseren hohen Lebensstandard und unsere Attraktivität für ausländische Unternehmen immer wieder glauben. Flüchtlingsströme und Migration innerhalb der EU ziehen nicht an uns vorbei, und die Zuwanderung durch die Ansiedlung neuer Firmen sind jene sozialen Phänomene, die aktuell unsere Gesellschaft prägen.

Die Wachstumsdebatte konfrontiert uns zuerst einmal mit unseren eigenen Grenzen. In der Tat steuert die Politik die Wirtschaft nur bedingt, weil es nämlich auch bei der aktuellen Konjunktur kaum vorstellbar ist, dass wir in Zukunft systematisch Neuansiedlungen von Firmen kritisch hinterfragen. Schließlich haben wir immer noch Tausende Arbeitslose, auch wenn wir nahe an der offiziellen Vollbeschäftigung sind. Es ist demnach politisch heikel, das Wirtschaftswachstum begrenzen zu wollen, denn eine Wirtschaft, die sich nicht weiterentwickelt, kann sich sehr schnell zurückentwickeln, an Attraktivität verlieren, was wir uns absolut nicht leisten können und was die Arbeitslosenzahl wieder verheerend ankurbeln könnte. Parallel zur Wachstumsdebatte und auch in diesem Kontext wurde vor einigen Tagen der Sozialalmanach der Caritas präsentiert, der uns daran erinnert, dass wir doch Verschiedenes falsch machen, dass seit Jahrzehnten die Schere zwischen arm und reich auseinanderklafft, dass die hohen Löhne viel schneller wachsen als die niedrigen, und die Kaufkraft der Reichen sich viel schneller entwickelt hat als jene der Armen.

Auch die Armut nimmt ständig zu, die Gesellschaft wird komplexer, der soziale Ausschluss droht durch zahlreiche Gräben, die sich durch die Gesellschaft ziehen. Kinder aus armen Familien haben es unsagbar viel schwerer, aus der Armut herauszukommen, der Zugang zur Bildung ist in bildungsfernen Milieus eine wahrhafte Herausforderung für die Schulpolitik der nächsten Jahre.

Das wohl größte Problem in dieser Wachstums- und Armutsdebatte bleibt jedoch das Wohnen. Während überall im Land neue Wohngebiete aus dem Boden schießen, stellen wir fest, dass dieser Wohnraum immer unbezahlbarer wird, und dass sich junge Familien über 30 Jahre verschulden müssen, um ein Haus oder eine Wohnung zu kaufen.

Möblierte Zimmer kosten mittlerweile locker 800 Euro auf dem freien Markt, der Rückstand an sozialen Wohnungen beziffert die Caritas auf 30.000. Demnach sollten wir uns in Zukunft noch mehr darüber Gedanken machen, wie das Wachstum in unserem Land allen zugutekommen kann, wie alle Menschen würdig leben können und wie wir es schaffen könnten, dass wir die Armut durch die Wohnproblematik nicht noch weiter schüren und aufrechterhalten.