MONT ST. MICHELHELMUT WYRWICH

Deutschland beschließt ein neun Milliarden Euro starkes Zukunftsprogramm

Es hat lange gedauert, bis sich die deutsche Bundesregierung zu einem Wasserstoff-Konzept durchringen konnte. Umweltministerium, Forschungsministerium und Wirtschaftsministerium konnten sich nicht einigen. Der Viruskrise und der damit verbundenen Notwendigkeit verdankt, einen Wiederaufschwung mit innovativer Technik und Zukunft auf die Beine zu stellen, hat Deutschland nun das wohl mächtigste und auch zukunftsträchtigste Konzept in Europa.

Insgesamt neun Milliarden Euro will Deutschland in das Wasserstoff-Konzept investieren. Forschung, Entwicklung und die Verwirklichung von Projekten sollen von Zuschüssen und Anschubfinanzierungen profitieren. Damit hat Berlin nun endlich auch den Rahmen, den die Niederlande seit langem erwartet haben. Denn sie arbeiten bereits intensiv an Wasserstoffprojekten und warten auf das deutsche Konzept für Kooperationen. Deutschland will die neun Milliarden auch gar nicht nur national ausgeben. Zwei Milliarden sind für internationale Wasserstoff Projekte geplant. Der Wahlspruch des deutschen Finanzministers Olaf Scholz, „Nicht kleckern sondern klotzen“ dürfte jetzt wohl auch für Projekte in anderen europäischen Ländern gelten. Es ist ein kleiner Hinweis an europäische Kommissare wie Vestager, Breton oder auch Gentilone und etwa den französischen Wirtschaftsminister Bruno Le Maire, die alle Sorgen haben, dass Deutschland mit seinen Programmen andere europäische Ländern hinter sich lassen könnte.

Wasserstoff lebt von der Elektrolyse, der Umwandlung von Wasser und Sauerstoff. Die Zerlegung von Wasser ist die häufigste und bekannteste Anwendung. Wasserstoff-Erzeugung ist beispielsweise aber auch mit Erdgas möglich. Deutschland will bis 2030 Elektrolyse-Anlagen mit einer Kapazität von fünf Gigawatt bauen. Das Forschungsministerium, das ursprünglich zehn Gigawatt gefordert hatte, will bis 2035 weiter fünf Gigawatt Elektrolyse-Leistung aufbauen. Ein Gigawatt entspricht 1.000.000 Kilowatt.

Durchgesetzt haben sich in der Bundesregierung die Puristen, die nur „grünen“ Wasserstoff, fördern wollen. Das, heißt, nur Wasserstoff, der mit alternativem Strom, zum Beispiel von Windrädern, erzeugt wird. Wasserstoff, der zum Beispiel mit Erdgas hergestellt wird, soll übergangsweise geduldet werden. Wie lange die Übergangsfrist dauern soll, wird nicht bestimmt. Das heißt aber auch, dass Unternehmen wie das Start-up Sunfire, das Paul Wurth gehört, keine Chance sehen, in Deutschland zu arbeiten. „Es gibt nicht genügend alternative Energie in Deutschland“, hatte der Vorstandsvorsitzende Carl Berninghaus sein Engagement in Norwegen begründet. Andererseits macht die Bundesregierung einen Schritt auf den grünen Wasserstoff zu. Sie befreit ihn von der Umlage zur Finanzierung der Energie-Transition und macht ihn so konkurrenzfähig. Mit einer bürokratischen Staatseinfluss-Idee hat sich die sozialdemokratische Umweltschutzministerin Svenja Schulze durchgesetzt. Der Staat soll ein Steuerungsinstrument erhalten. Einerseits soll ein Wasserstoff-Rat ins Leben gerufen, andererseits ein Wasserstoff-Beauftragter ernannt werden. Eine Bürokratie, von der man nicht weiß, wozu sie gut ist. So könnte der Staat Jahr für Jahr eine gewisse Menge grünen Wasserstoffs beispielsweise für die Chemie- und Stahlindustrie ausschreiben. Der Anbieter, der den günstigsten Preis zusagt, soll den Zuschlag bekommen. Die Belange der Stahl- und Chemie-Industrie stehen sichtlich im Vordergrund des nationalen Programms. Sie wird mit den zukünftigen Umweltvorgaben in Europa mit heutigen Produktionsmethoden keinen Stahl mehr herstellen können.

Hier zeigt sich aber auch, dass das umfangreiche Programm sehr spät kommt. Die Industrie hat nicht mehr auf die Bundesregierung gewartet. Sie begrüßt das Programm, ist aber mit eigenen Initiativen sehr weit fortgeschritten. Die Stahlindustrie arbeitet seit langem an einer Reduzierung des Kohlenstoffdioxids (CO2). Alle Hersteller - ArcelorMittal, ThyssenKrupp, Salzgitter Voest Alpine oder Tata -, arbeiten an Modellen. ThyssenKrupp wird in Duisburg zehn Milliarden Euro in die Wasserstoff-Forschung und Anwendung investieren. ArcelorMittal baut in Hamburg ein neues Stahlwerk für Versuche mit Wasserstoff und Erdgas. In der Chemie-Industrie ist der Einsatz von Wasserstoff gängige Praxis.

Projekte in den Niederlanden und im Hamburger Hafen

Auch Elektrolyse Anlagen sind in der Planung. In den Niederlanden und im Hamburger Hafen rivalisieren zwei Projekte um den Titel des größten europäischen Projektes. RWE will mit Partnern eine Elektrolyse Anlage in Lingen bauen. Die Paul Wurth-Tochter Sunfire wandelt Wasserstoff in synthetische Kraftstoffe um und will in zwei Jahren zehn Millionen Liter pro Jahr erzeugen. In fünf Jahren sind 120 Millionen Liter synthetischer Kraftstoff pro Jahr geplant.

Die Wasserstoff-Wirtschaft ist in Deutschland auch auf anderen Feldern weit fortgeschritten. Daimler und Volvo Trucks gründen eine gemeinsame Tochter zur Produktion von Lastwagen Brennstoffzellen. Shell, Total, der österreichische OMV-Konzern und Automobilhersteller haben sich zu einer Arbeitsgruppe während der ersten Nachfolgekonferenz zum Pariser Klima-Abkommen zusammengeschlossen und entwickeln die Wasserstoff-Wirtschaft. Shell hat in Deutschland 40 Tankstellen auf eine Wasserstoff Tanksäule umgerüstet und will auf 100 Tankstellen ausbauen. Die Umrüstung ist standardisiert und kostet eine Million Euro pro Tanksäule. Das Ziel der Arbeitsgruppe ist, Deutschland flächendeckend mit Wasserstoff Tanksäulen zu versorgen. Die Idee dahinter: So, wie derzeit Benzin- und Diesel Fahrzeuge existieren, sollen zukünftig verschiedene Antriebsarten wie Elektro und Wasserstoff nebeneinander existieren. Der Grund: Batterie-Fahrzeuge sind begrenzter in ihrer Reichweite als Brennstoffzellen Fahrzeuge.

Brennstoffzellen und Batterien finden auch bereits ihre Anwendung in Zügen und in Schiffen. Batterien haben in Flugzeugen aber keine Chance haben. Würde man einen Airbus 320 mit Batterien ausrüsten, würden die Batterien schwerer sein als das Flugzeug selbst. Synthetische Treibstoffe sind in der Entwicklung. Es fehlen die Industrie-Anlagen zur Massenherstellung, solche wie jene, die Sunfire gerade in Norwegen erstellt.

Deutschland ist für französische Konzerne eine Art Testland. Hier arbeiten Total, Air Liquide aber auch Alstom. Der Zughersteller entwickelt und verkauft auf dem deutschen Markt zwischenzeitlich nicht mehr nur noch Dieselzüge. Im Bremer Umland haben Wasserstoffzüge, die mit Brennstoffzellen arbeiten, ihre Erprobungsphase abgeschlossen und sind in den Normalbetrieb übergegangen. Das deutsche Bundesland Hessen hat die Züge ebenfalls bereits gekauft. Die Entwicklungen sind teilweise von den deutschen Bundesländern unterstützt worden, lange bevor die Bundesregierung nun mit ihrem Wasserstoffplan die noch junge Industrie massiv fördern will.